Sehr bemerkenswerth sind bei dem letztern Schädel ferner der geringe Prognathismus des Alveolarrandes, die verhältnissmässig hohen Augenhöhlen, die hohe Nase mit schmaler Wurzel und der starke Wulst über der letzteren. Giebt dieser Wulst dem Schädel den Ausdruck einer gewissen Wildheit, so wird diese gesteigert durch die stark abstehenden Jochbogen und die bedeutend hinaufgerückten Plana temporalia, deren Abstand, über den Schädel gemessen, an der Kranznaht nur 105 Millim. beträgt: also eine colossale Entwickelung der Kaumuskeln. Es bestätigt sich demnach die Existenz einer wilden dolichocephalen Rasse, welche den Hypsistenocephalen der Inseln Polynesiens und der Sundagruppe näher steht.
Die Negrito-Schädel sind davon gänzlich verschieden. Ich beschränke mich darauf, die entsprechenden Zahlen für 4 derselben zu geben:
| Breitenindex. | Höhenindex. | Capacität. | |
| I. | 90,6 | 77,6 | 1310 |
| II. | 80,8 | 75,6 | 1200 |
| III. | 83,8 | 77,8 | 1250 |
| IV. | 86,7 | 82,3 | 1150 |
Von diesen ist No. II. ein männlicher und, wie mir scheint, verhältnissmässig typischer Schädel, während vornämlich bei No. I. künstliche Deformation bemerklich ist. Man sieht hier eine ausgezeichnet brachycephale Rasse, deren Schädel eine mässige Höhe und durchschnittlich eine geringe Capacität besitzen. Zugleich sind sie stark prognath, jedoch betrifft die Vorschiebung mehr die Alveolarfortsätze, während die Ansatzstelle des unteren Nasenstachels dem grossen Hinterhauptsloche näher liegt, als die Nasenwurzel. Letztere befindet sich fast senkrecht unter der Nasenwurzel.
Die Zusammengehörigkeit dieser Negritoschädel wird in deutlichster Weise dargelegt durch ein höchst characteristisches Zeichen, nämlich durch die vermittelst Feilung in eine Sägenform gebrachten Zahnreihen. Es sind die Zähne, namentlich die vorderen und von diesen wieder am meisten die des Oberkiefers seitlich abgefeilt, so dass sie in scharfe Spitzen, wie Raubthierzähne, auslaufen, — eine Art der Feilung, welche der bisher bekannten malaischen gerade widerstreitet, indem diese auf der vorderen Fläche der Zähne stattfindet und zugleich der untere Rand der letzteren geebnet wird. Höchst merkwürdig ist es, dass beide Arten der Feilung schon von dem alten Thévenot angegeben sind: les vns rendent les dents égales, les autres les affilent en pointes, en leur donnant la figure d’une scie. Nur von der mit Gold gefüllten Oeffnung in der oberen Zahnreihe, welche er gleichfalls beschreibt, ist nichts wahrzunehmen. Indess mag das längst aufgegeben sein, da Gold unter den Negritos wohl eine Seltenheit ist. Jedenfalls stammen die Schädel, welche Hr. Dr. Meyer selbst unter grosser Gefahr auf dem ihm bekannt gewordenen Begräbnissplatze eines Negrito-Stammes in der Provinz Bataan (Zambales), im Nordwesten von Luzon, ausgegraben hat, aus neuer Zeit[58].
Taf. II.
Spuren künstlicher Verunstaltung finden sich an der Mehrzahl der Schädel, jedoch erreichen sie auch nicht entfernt das Maass, wie diejenigen an den Höhlenschädeln von Lanang und Caramuan. In der Regel ist das Hinterhaupt sehr steil und die Seitenwandbeine sind dicht hinter den Tubera parietalia fast rechtwinklig herab gebogen. Nur der eine und zwar männliche Schädel zeigt gar nichts von Deformation: sein Hinterhaupt springt stark vor, und zwar findet sich die stärkste Vorwölbung an der Schuppe oberhalb der Linea nuchae suprema (vgl. [Taf. II], fig. 5–6). Wenn dieser letztere Schädel gegenüber den weiblichen und deformirten ([Taf. II], fig. 4) als der am meisten typische angesehen werden darf, so könnte es doch sein, dass ihm an einer andern Stelle die künstliche Verunstaltung nicht fehle. Er zeigt nämlich eine ungemein breite und platte Nasenwurzel, und die Nasenbeine sind seitlich mit den Processus nasales des Oberkiefers verwachsen. Da sich dieselbe Synostose noch bei einem andern Negrito-Schädel findet, so entsteht die Frage, ob hier eine blosse Rassen-Eigenthümlichkeit oder ein pathologisches Ereigniss vorliegt. Wenn nun an sich der ganze Habitus der Stelle diesen Eindruck hervorbringt, so hat mich eine Mittheilung des französischen Missionärs Montrouzier noch mehr für diese Ansicht gewonnen. Derselbe berichtet nämlich, dass in ganz Neu-Caledonien nach der Geburt eines Kindes Wasser heiss gemacht, die Finger in dasselbe getaucht und mit denselben die Nase des Neugebornen zerquetscht wird. Freilich ist von den Philippinen bis jetzt nichts Aehnliches bekannt, aber vielleicht wird es damit, wie mit der Schädelverunstaltung, gehen.
Ich muss endlich noch eine besondere Eigenthümlichkeit der Negrito-Schädel erwähnen, nämlich die ausgezeichnet ogivale Form, welche sowohl in der Stirn-, als Hinterhaupts-Ansicht bemerkbar wird und welche auch in den Photographien ([Taf. III].) zu Tage tritt. Namentlich bei der männlichen Bevölkerung ist die dachförmige Gestalt des Vorderkopfes leicht erkennbar. Die Glabella ist an diesen Schädeln ungewöhnlich voll, die Stirnhöcker schwach entwickelt, in der Mitte öfter die Andeutung einer Crista frontalis. Damit hängt zusammen die auffällige Höhe der Plana temporalia, welche sich bei dem Manne ([Taf. II], fig. 5 und 6) bis über die Tubera parietalia erstrecken und hinter der Kranznaht nur 95 Millim. von einander entfernt sind.