Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln, eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.

Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:

„Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu Zeit!“

Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.

„Dem sitzt die Quelle im Kopf,“ meinte die Thielemann, und die Maracken nickte und fügte hinzu: „Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch über, die ganzen Möllersch ...“ Und dann ließ man kein gutes Haar an den Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese war Befehl für sie. Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit schwankte förmlich.

Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor, man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.

So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln.

Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden Akkorden.

Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu spät.

Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. „Was stehst du denn da und hältst Maulaffen feil?“ eiferte sie. „Immer faß zu! Hole das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – im zweiten Schubfach!“