„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders tat es die Lore nicht.“

Diese hantierte noch emsig in der Küche.

„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.

Dazu im Winter die Gesellschaften.

Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für sieben hungrige Mäuler reichen mußte. — Denn Mama verstand es, selbst das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters Geige singen zu hören.“

„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie um, Fräulein Stavenhagen.“

Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.

Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren Kartoffeln und Bratklopsen.