Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.
Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der Spruch prangte:
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,
Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.
Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun gebrannt heimkommen.
In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war nur „korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen. Und während die prima omnium Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“
Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. —
Und er sagte „ja“.
Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. —