Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art. Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen, und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt, mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe ich immer wieder in das seltsame Haus. –
Ritter Lage schreibt:
»Es lohnt sich wohl, eine Pietà zu meißeln, wenn man solch einen Dank dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …
Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und sah es Bäume umarmen. Das nenne ich Dank. Keine Jury der Welt könnte einem Künstler so lohnen. – –
Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich), als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –
Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt, es steht zu Ihrer Verfügung. –
Der Enterbte.«
16.
Der Sonntag begann heute so wunderschön und endete so wunderlich, – die Kirchenglocken läuteten in den klaren Morgen hinein, mein Lage sah aus wie eine Märchenprinzessin, die sich zum Empfang des Prinzen rüstet, der sie heimführen will. Nun ich ihn niedergeschrieben habe, muß ich über den Vergleich lachen. –
Pastor Oswald hielt eine kernige Predigt. Sein ganzes Wesen ist kurz und bündig, einfach und schlicht. Viel schlichter, als es bedingt wäre. Denn Eva erzählte mir, daß er einer reichen Hamburger Familie entstamme, und daß seine Mutter aus gräflichem Hause sei. Er habe alles beiseite getan und sei aus innerem Antriebe Pfarrer geworden. Das Pfarrhaus unterscheide sich in seiner Einfachheit in nichts von den Bauernhäusern. Ich mag den frischen Gesellen wohl leiden. Habe ihn auch gebeten, jeden Sonntag mit mir zu essen. Wenn es irgend paßt, kommt auch die Lehrersfamilie mit dazu. Nur ist da schon allerhand Kleinzeug, und die Eltern sind nicht immer abkömmlich. Aber es ist das, was ich mir wünsche: Pfarrhaus, Lehrer- und Gutshaus Hand in Hand. Pastor Konrad Oswald hüllt sich in ablehnendes Schweigen, wenn das Gespräch einmal auf seine zukünftige Frau Bezug nimmt. Ohm Matthias ist darin nicht sehr taktvoll. Er bohrt den Geistlichen jeden Sonntag von neuem mit seinen Fragen und Scherzen an. Selbst Tante Fernande hat es ihm schon des öfteren verwiesen, freilich mit dem verblüffenden Zusatze, daß der Pastor meinen könne, sie selbst habe Absichten auf ihn. Mein helles Lachen nahm sie sehr übel. –