Und gerade, als ich an ihn dachte, sprachen sie von ihm. Er scheint allen Leuten Rätsel aufzugeben. Man fragte mich, ob er die wunderbare »Pietà« selbst aus Holland hergeleitet habe, ob er mir seinen Besuch gemacht … Ich antwortete kurz verneinend und war endlich froh, als sie alle wegfuhren. Wie wenig passend fügen sich all diese geselligen Töne in die stille Harmonie meiner Einsamkeit. –
Kurz vor dem Abendbrot erschien noch ganz unerwarteter Besuch, der im Ruhestand lebende Pastor Külpers. – Er war mir in seiner steifen Zugeknöpftheit, die er zu Anfang zeigte, aber noch angenehmer, als in der väterlich bevormundenden Art, die er im Laufe des Gespräches herauskehrte. Würde eine liebe, alte Pfarrfrau in weißem Haar, bekannt und vertraut mit allen Familien, Tugenden und Untugenden meines Dorfes, mir Ratschläge gegeben haben, ich würde sie ohne Vorbehalt dankbar annehmen. Aber diesem lehrhaften Tone des alten Herrn gegenüber, der mit messerscharfer Unduldsamkeit jegliches Tun und Lassen seiner Mitmenschen, Vorgänger und Nachfahren kritisierte, ließ mich aufmucken. –
Es hat bis jetzt noch nichts Gnade vor seinen Augen gefunden, was ich getan, angeordnet und unterlassen habe, aber ganz besonders mein Nichtbeachten der verschiedenen Konfessionen in meinem Dörflein scheint ihm bitteres Unbehagen zu schaffen.
»Sie haben es sich gewiß gar nicht überlegt, gnädiges Fräulein, was für böses Blut es machen muß, wenn Sie in Ihr protestantisches Haus, dem die brave, fromme Eva vorsteht« … »Meinem Hause stehe ich vor«, warf ich ein. Er beachtete es gar nicht … »nicht nur einen streng katholischen Verwandten dauernd aufnahmen, sondern auch, wie ich heute zu meinem schmerzlichen Bedauern sah, der leichtfertigen Tochter des gleichfalls katholischen Schmiedes Tönnings Einlaß gewährten. Überhaupt würde ich vermeiden, anrüchige Personen zu besuchen, wie z. B. die Korb-Sina.«
»Da bin ich anderer Meinung,« widersprach ich, »ich habe tiefes Erbarmen mit Maria Dörping, der Enkelin, sie trägt schwer an dem Verfemtsein ihrer Großmutter.«
Der Pfarrer lächelte mild über meinen Eifer. »Sie sind noch stürmend jung, gnädiges Fräulein, es ist die Pflicht alter Leute, Sie auf mancherlei Gerede aufmerksam zu machen, das sich über Ihrem Kopf zusammenzieht …«
»Mancherlei Gerede ist Klatsch«, sagte ich mit eisiger Abwehr.
»Da ist z. B. die Clemenskapelle drinnen im sogenannten Holländer Wald, ich bin nie dort gewesen trotz meiner langjährigen Tätigkeit hier, – man hat Sie gesehen, wie Sie mit einem Ölkrüglein die ewige Lampe füllten, – Sie sind Protestantin …«
Ich stand so rasch und ungestüm auf, daß mein Stuhl umfiel.
Und blieb stehen und sah den alten Mann an, ganz fest, und ganz schweigend. Hier ist also meine Achillesferse …