Er ist’s wohl wert, daß man sich länger mit ihm beschäftigt. Er hält sich seit einiger Zeit von Haus Lage fern; oder von mir? Warum muß sich immer zwischen zwei junge Freunde jenes andere drängen …? Könnten wir beide nicht Schulter an Schulter arbeiten, zwei gute Kameraden, die nur das Wohl der Pfarrkinder des Dorfes im Auge haben?
Warum muß ich durch mein Verhalten ihm weh tun? Ich weiß, daß er nur um Brigitte Lage wirbt. Mein »Drumherum«, das schiert ihn nicht. Er selbst gibt bei Kollekten die größten Summen, größer sogar als der reiche Holländer Ritter Lage. Denn Pastor Oswald gibt mit eigener Hand und weiß, wo es jedesmal besonders not tut, und Ritter Lage läßt seinen Verwalter bestimmen, der immer die gleiche hohe Ziffer ausfüllt. Um nicht zu sagen, Pastor Oswald gibt mit dem Herzen und Ritter Lage mit dem Verstand. Das sagte ich auch heute der alten Eva. Da hob sie freilich erschrocken abwehrend die Hand. Sie ist über jede Kritik persönlich beleidigt, die man an den »Besten von allen Lages« legt.
Pastor Oswald hat mir neulich seine alte Mutter angemeldet. Sie will auf ein paar Tage von Hamburg her den Sohn besuchen. Ihr Bild, das eine unendlich gütige, vornehme alte Frau zeigt, steht auf seinem altmodischen Spinett …
»Sie werden meine alte Mama liebgewinnen,« sagte er mir schlicht und doch sehr bestimmt, »sie ist einzig …«
Ich habe sie schon lieb. Es liegt etwas in ihren Augen, das unmittelbar zu mir spricht. Aber ihr Sohn kann mir nur Bruder sein. – Wenn er’s doch wäre! Ich habe nie einen Bruder gehabt und sehne mich oft nach solch einem natürlichen Beschützer.
Ohm Matthias habe ich noch nicht wiedergesehen. Er erscheint nicht einmal zu den gemeinsamen Mahlzeiten. Zuerst bin ich schweigend über dies eigenartige Verhalten hinweggegangen, habe auch nicht nach ihm geschickt. Heute fragte ich aber doch die Eva, ob sie ihm das Mahl auf sein Zimmer bringe. Sie schüttelte abweisend ihr graues Haupt. Tante Fernande aber bisse sich lieber die Zunge ab, als daß sie mich nach dem ungeschliffenen Gesellen fragen würde. Und wenn sie etwas von ihm wüßte, so erführe ich’s doch nicht von ihr. Ich komme mir wieder einmal im eigenen Hause recht wie »Mamsell Niemand« vor. –
Ritter Lage schreibt: »Mein Herz habe ich ganz und gar abgeschafft, es hält nur auf, Verstand ist besser. Bis jetzt riet ich ja der verehrten Regenschirmbase immer gut, und sie ist im großen ganzen folgsam gewesen. Wenn ich es auch unangebracht fände, sie in dieser Hinsicht zuviel zu loben. – Aber Ohm Matthias ist ein so ungezogener Junge mit seinen siebenzig Jahren, daß die kleine Gitti, selbst wenn sie ›streng‹ tut, nur lächerlich wirkt.
Ich habe also den Rüpel nach Holland entführt, und nun sitzt er erst einmal fest bei mir, und ist sehr nüchtern geworden. Kann aber nicht sagen, daß er mir etwa in diesem Zustande besser gefällt. Mir geht wohl überhaupt jegliches Verständnis ab für adlige Müßiggänger, die sich durchs Leben gelumpt haben und nun auf dem ehrenhaften Wappenschilde der Vorfahren ausruhen. Dreimal hat sich Ohm Matthias schon mit mir schlagen wollen, aber wir sägen jetzt Holz zusammen, und da wird er hübsch zahm dabei. Sollte der alte Sünder einmal von Holland herüberwechseln, so bitte ich Sie, ihn ganz unbeachtet zu lassen, ja, ich verlange das wieder ganz einfach von Ihnen. Weil das weiße Mähschäfchen noch weltdümmer ist, als die kleine Gitti im Märchen, und es einem heiß und kalt wird, wenn man zusieht, mit was für Gelichter sie sich umgibt. Es wird diesmal ein Schreibebrief von der Dicke des ehrenfesten Folianten auf Ihrem Schreibtisch. Unverantwortlich ist’s, was Sie mir für Sorgen und für Schreiberei machen. – Also wie ich oben sehr richtig bemerkte, ich habe das Herz abgeschafft und würde Ihnen auch dazu raten, wenn Sie dann nicht einfach umfielen und mausetot wären, Sie ›Herz‹ schlechthin. Aber etwas muß ich Ihnen abgewöhnen, und das ist die Sentimentalität. Etwas ganz Abscheuliches. Wenn Sie die nicht abtöten, dann werden Sie schließlich noch Frau Pastor Oswald. Ein elender und aufreizender Gedanke für mich. Warum? Weil Sie gar nicht zu ihm passen, weil er Sie teilweise dreidoppelt überragt mit seinem umfassenden Wissen und teilweise wieder gar nicht an die dumme kleine Gitti heranreicht. Und weil der gute Mann gar kein Leben mit Ihnen aushielte, sondern ich ihn wahrscheinlich nach 2–3 Jahren, vielleicht auch schon eher, von einer meiner Eichen abschneiden müßte, denn auf Ihrem Grund und Boden würde er sich schon aus lauter Wohlerzogenheit nicht aufhängen.
Aber nun kommt seine Mutter. Und ihr Anblick wird die Rührseligkeit der Regenschirmbase ins Ungemessene steigern. Die alte Dame ist die verkörperte gute Kinderstube. Ganz ›Hamborgerin‹. Sie trägt eine schneeweiße Fladduse auf dem Kopf, aus welcher liebliche Korkzieherlöckchen hervorquellen. Und sie hat schwarze, sprechende, kluge Augen. Und ist eine ganz ›süße‹ alte Frau. Und sie wird Sie ›mein Töchterchen‹ nennen, und das ist bitter.
Sie sind just das, was sie sich für ihren Konrad wünscht. ›Konrad, sprach die Frau Mama.‹ Um Gottes willen, Gitti, haben Sie Erbarmen mit dem Gottesmann. Winken Sie ab, ehe es zu spät ist. Denken Sie nicht einen Augenblick, daß er an Ihrem Nein zugrunde geht, bloß weil er sich jetzt etwas in die Einsamkeit begeben hat.