Es hat heute abend ein Sturm eingesetzt, der ganz wunderlich ist im Hochsommer. Er könnte einem kalten November an der Nordsee Ehre machen. Mir bringt dieser Sturm doppelte Behaglichkeit. Er dringt nicht durch die festen Mauern meines Hauses, sondern tobt sich in den leeren Fenstern der Ruine aus. Die Fledermäuse haben sich versteckt. Die alte Eva läßt mich heute seltsam allein. Ich weiß, daß sie meinen Geburtstag nicht ahnt, aber sie hat noch keinen Tag vergehen lassen, ohne daß sie mir ein liebes Wort gesagt, einen Wunsch, ein Gottbehüt’! Heute streiften mich mehrmals scheu ihre Augen … Aber ich kann mich täuschen. Dies alte Haus verleitet dazu, Gespenster zu sehen. Ist mir’s doch auch allabendlich, wenn ich mich zur Ruhe begeben will, als läge ein zusammengeworfenes Bündel vor meiner Stubentür, dasselbige unselige Bündel, das ich damals vor der Pietà fand. Aber die Bahn ist immer frei, sobald ich die oberste Treppenstufe erreiche. Weshalb narren mich meine Sinne? Ich habe keine Angst vor dem Krüppel, ich meide ihn nur aus Gehorsam. Manchmal packt mich das seltsame, kindische Gelüst, ungehorsam zu sein. Ich wehre mich dann gegen Unsichtbares, gegen Büttenpapiere und Befehle, gegen Fledermäuse und Enterbte. Dann kommt mir jäh der Gedanke, hinauszulaufen nach dem »Holländerwald« und den Krüppel zu suchen. Ihn in mein Haus zu nehmen, ihm Mutter zu sein. Ihm Gutes zu tun unter hundert persönlichen Opfern. Weil ein schweres Geschick ihm alles Menschentum, alles Menschenwürdige nahm, ihn zum stammelnden Kinde ummodelte, mit dem abschreckenden Antlitze eines mißgestalteten Zwerges. Daß man mir diesen Samariterdienst nimmt und mit kurzen, herrischen Worten meine Christenpflicht verneint, dünkt mich ein Eingriff in meine freie Liebestätigkeit. Mir fehlt auch der Krüppel in dem Bilde, das ich mir von meinem Krankenhause und Siechenheim malte. Der »Enterbte« wird nie zugeben, daß ich den Kranken betreue. Und der ist doch wahrhaft »enterbt«. – Denk’ ich an den Krüppel, so wirft sich der »graue Alltag« wie ein schwarzer Meltau auf alle Blumen, die sich für mich in Lage erschlossen. Ein Meer von Blüten vernichtet er.
Der Sturm draußen ist allgemach in ein ächzendes Klagen übergegangen. Einmal schlug es wie in schwerem Schlag und Fall gegen meine Tür, nun weint es draußen, wie ein wunder Mensch …
Nachts.
Die Gese Tönnings lag gestern abend auf der Schwelle des Hauses. Ach, – freilich ein wunder Mensch. Und bis nach Mitternacht mußte ich ihre Beichte anhören. Die hat mir Kopf und Herz verwirrt … Laut hätte ich weinen mögen über meine arme Mitschwester, die sich ihr junges Leben so verpfuschte. Aber wir Frauen von Lage können nur schwer die erlösenden Tränen finden. Vielleicht hielt sie auch der Ekel zurück, der mich bei dieser Beichte schüttelte, – und den ich jetzt mit Scham als tiefes Unrecht und Pharisäertum erkenne. – Darf ich als Unversuchte, sorglich Behütete aburteilen?
Wer sich frei fühlet von Schuld, der werfe den ersten Stein …
Ich habe Gese Tönnings aufgehoben. Will sie bei mir behalten bis zu ihrer schweren Stunde und für das Kind sorgen, das sie unter dem Herzen trägt, Sie ist die Liebste des jungen Försters Nordstamm gewesen, – schon jahrelang, und diese Erkenntnis ward auch zum jähen Schlag für Frau Rika. Der die Zarte lähmte und unfähig zum Weiterleben machte. Welch ein düstres, schuldvolles Kapitel in Dorf Lage!
Als ich das gänzlich verstörte, zitternde Mädchen auskleidete, um es ins Bett zu bringen, sah ich entsetzliche Striemen auf Armen, Händen und Rücken. »Mein Vater«, kam es würgend aus ihrer Kehle. Und ich kann am Abschluß meines Geburtstages nur beten: »O Gott, Allerbarmer, nimm den grauen Alltag wieder von meinem Hause und gib mir lichten Sonntag durch reine Menschenliebe!« –
Ritter Lage schreibt: »Kleine Regenschirmbase, es muß Ihnen ja über den Kopf wachsen. Und bei mir sitzt die Angst zu Tische, und die Sorge, Sie könnten schließlich doch den Gottesmann bitten, Ihr dauernder Berater zu werden, weil Sie nicht mehr aus noch ein wissen. Standesamtlich beurkundeter Lebensgenosse und dazu kirchlich angetraut. Und alles nur aus dem starken, eigensinnigen Verlangen heraus, Gutes zu tun. Denn lieb haben Sie ihn nicht. Das weiße Schäfchen von Lage hat überhaupt keine Ahnung von Mannes- und Weibesliebe, und ich selbst will auch beileibe keinen Lehrstuhl für dies Kapitel errichten und Sie etwa als aufhorchenden Studenten zu meinen Füßen sitzen sehen. Aber es widerstrebt mir ebenso, daß in Ihre kleinen, feinen Ohren überaus rüde Bekenntnisse hineinerzählt werden. Sie sollten als störrische Lutheranerin die Ohrenbeichte ablehnen. Sprächen nicht ernste Gründe dagegen, so wäre ich längst in die Erscheinung getreten. Es dünkt mich unritterlich, daß ich die kleine Gitti allein im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällen lasse. Und meine ernsten Gründe sind schließlich nur – Eitelkeiten … Kleine Gitti, was habe ich prophezeit? Jeder würde Ihnen sein Kleinzeug vor die Türe legen. Und die Regenschirmbase hebt getreulich auf und meint, es kommt vom lieben Gott. Und dünkt sich wunder wie alt und verständig, und sollte doch von Rechts wegen unter Vormundschaft kommen.
Der Enterbte.«