So stark wie nie zuvor mußte ich meiner Eltern gedenken, meiner Mutter Pauline, die so ganz Liebe war und doch gar keine Überschwenglichkeiten kannte. Und meines Vaters, der wiederum die ganze Welt mit einer großen, nachsichtigen, verstehenden Liebe umfaßte, »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« sein konnte und über allem nie die große Linie vergaß. An seiner starken Hand führte er mich allem Schönen entgegen, zeigte mir jede kunstvolle Pflanze, jede prächtige Rose, die im großen Gewächshause der Welt aufblühte, und ließ mich doch auch an keinem Wiesenkräutlein vorbeigehen, das meiner Entwicklung von Nutzen sein konnte. Und seine köstlichen Gedanken und Wahrsprüche, erlesen und erlebt, die er meinem Verständnis nahebrachte! Die mir alle nur den einen Weg zur inneren Ruhe wiesen, den Weg der Liebe. – Den Weg, den die Erde nicht kennt, nur die Liebe.
Auch das rechtfühlende Herz suchte er in mir schlagen zu lassen. Er pries es als den Mittelpunkt der ganzen Welt und meinte, daß vor der Echtheit eines solchen rechten Fühlens sich das Weltgeschehen ordne. –
In all dieses Versenken meiner eigenen Seele in tiefe, besinnliche Stille schrillte das Glöcklein von Haus Lage und brachte mir einen Besuch.
Madame Oswald war es, die so gut in den Urväterhausrat von Lage paßt. Wenn sie mit ihrem weißen, stillen Gesicht und den mütterlichen Augen im alten Ohrenstuhl sitzt, wirkt sie recht wie ein Bild des Friedens.
Heute freilich nicht. Heute war sie voll Unrast, und diese teilte sich mir so stark mit, daß ich allen guten Gedanken Valet geben mußte und recht aufgeregt und zwiespältig wurde. Nicht so, nicht so. Ich kann da nicht folgen. Ich vermag es nicht, eine so schwerwiegende Frage wie meine Verheiratung in Hast zu erledigen. Ich kenne die Liebe nicht, und glaube es der alten Frau, daß so tiefe Achtung und ein so großes Vertrauen, wie ich es Pastor Oswald entgegenbringe, wohl Gründe sein können, auf denen man ein Haus ohne Reue aufbaut. Aber etwas erwartungsvoller müßte doch mein Herz schlagen, wenn wirklich das Glück geschritten käme. Ich freue mich gewiß, wenn ich Oswald begegne, habe eine schöne Sicherheit, wenn er neben mir schreitet, oder mir gegenüber sitzt, und auch ein bewunderndes Gefühl für seine überlegene Geistigkeit. –
Genügt dies schon? Wie werte ich jenes andere, das Himmelhochjauchzende, Zumtodebetrübte, das die Dichter Glück nennen? Oder sind wir überhaupt nicht zum Glück geboren, sondern nur zur Pflicht? Und ist stärkste Pflichterfüllung zugleich höchstes Glück?
Ich konnte Madame Oswald keine befriedigende, abschließende Antwort geben. Auch hielt mich ein leises Befremden davon zurück. Daß Pastor Konrad Oswald nicht selbst um mich warb, sondern die Mutter schickte. Ist das Hamburger Sitte? Aber wir beiden Hauptbeteiligten sind nicht mehr so jung, daß wir Vertreter brauchten. Gewiß ist alles gut gemeint, aber ich vermisse das Unmittelbare. Können sich zwei gereifte Menschen nicht auch ein ehrliches Nein sagen? Es hätte ja auch nicht unbedingt ein Nein sein müssen. Ich bin nur nicht für die Hast eines raschen Verlöbnisses. Nicht nur das Ziel ist schön, auch der Weg zum Ziele. – Er muß tausend Wunder bergen, und die Prinzessin Ohnearg aus dem Hause Weißnichts bedarf ihrer. Bedarf eines langen, langen Wanderweges bis zur leuchtenden Wunderlampe. Aber ich glaube nicht, daß Pastor Oswald mir diesen Weg zeigen kann. Vielleicht müßte ich ihn an irgendeiner Wegecke stehenlassen und einsam und befreit weiterwandern …
In seiner alten Mutter war ein Drängen, das seltsam von ihrer beherrschten Vornehmheit abstach und ihr das Ausgeglichene nahm, das mich sonst so entzückt hatte. So schieden wir beide unfroh voneinander, und hätten uns doch gern in Fried und Freude festgehalten. Ich sah der feinen Gestalt, die mit dem Schwebeschritt der Krinolinenzeit dahinwippte, lange nach. Eine sorgende, sorgliche Mutter ging von mir, – und ich bin elternlos. – –
Ritter Lage schreibt: »Man wird die kleine Gitti ihrem Schicksal überlassen müssen. Sie will, scheint es, ohne guten Rat verständiger Vettern gehen, trotzdem sie noch, sozusagen, im Steckkissen liegt. Nun dann Glück zu! Mir kommt das Liedchen in den Sinn:
»Wer winters an den Lenz schon denkt,