Ich lächelte. Freilich mit viel Schmerzen, aber doch so, wie man über ein großes Kind lächelt, das zornigen Unsinn herausredet. »Noch mehr lieb’ ich dich, noch viel, viel mehr …« sagte ich innig.
»Da ist es wieder, dein verfluchtes Mitleid«, sagte er, zornig verbissen. »Gitti, – ich kann dein Mitleid nicht vertragen.«
»Und ich nicht dein Quälen«, rief ich und sprang auf. Stand ihm dann gegenüber ganz kalt vom Kopf bis zu den Füßen. Tief erbittert. »Warum schlägst du mich, Clemens Lage? Was habe ich dir getan?«
Er lachte grell. »Die Situation ist neu: ›Ritter‹ Lage, ein kleines, feines Frauchen schlagend. Meine Fraue, deren Farben ich trage … Aber du hast recht. Wann hättest du nicht recht, du weißes Mähschäfchen?«
»Ich bin kein Mähschäfchen! Und ich hasse den Namen jetzt und will ihn nie wieder hören …«
»Wollen wir uns zanken, Gitti? Willst du mir jetzt alles zurückgeben, was du an Zorn aufgespeichert nach Empfang meiner Briefe, denen nie eine Antwort ward? Nicht doch, nicht doch. Was ich an dir so liebe, ist deine vornehme Beherrschtheit in jeder Lage, Gitti, – oh, ich habe dich wohl studiert. Und du wirst jetzt ganz gehorsam auf deinen Platz dort zurückgehen, in demselben Gehorsam, in dem dich der prächtige Vetter Ernst Lage erzogen hat. Damit ich dir mein grausames Märchen weiter erzählen kann. Oder liebst du nur himmelblaue Märchen von blonden, großen Schlagetot-Prinzen, Sieh-und-stirb-Helden. Und von Erbsen-Prinzessinnen?«
»Nein«, rief ich laut. »Du hast mich ja das Märchen vom garstigen Zornebock gelehrt, und – ich kenne die Prinzessin wohl, die ihn und sich erlösen wollte. – Sie mußte mit bloßen Füßen durch spitze Schwerter gehen, aber jeder Blutstropfen bedeutete Erlösung …«
Er sah mich an, als sähe er mich zum erstenmal. »Gitti, ich fürchte mich vor dir. Vor deiner Güte. Gibt es so etwas auf dieser Welt? Herrgott, werde ich’s jemals verwinden können, daß ich dich nicht vor zwanzig Jahren kennenlernte und beide Hände über das Thüringer Waldkind breitete, bis du mein Weib werden konntest??? – – –
Höre weiter, Gitti. –
Meine Frau liebte mich nicht mehr. Und wenn ich es nicht fassen wollte, ›daß Liebe brechen kann‹, wie es im Volksliede heißt, so gellte mir ihr Haß, ihre tiefe, kränkende Abneigung in die Ohren. Dann wurde ich plötzlich krank, Gitti, – lächerlich krank, – ich bekam die Masern. Lach’ doch, Gitti. Denn man brachte mich, den Freiherrn von Lage, ins Spital, weil meine Frau mich nicht pflegen wollte. – Und die Masern waren schwer. Vielleicht hätte ein Kind sie überwunden. Aber der Freiherr von Lage war seitdem ein gebundener Mann. Ich erstand aus der Krankheit, so wie du mich siehst. Nicht gleich so schlimm. Es kam nach und nach. Und das Schicksal bejahte den Widerwillen meiner Lebensgefährtin. Die Tragik meiner Ehe kannte nur ein Mensch außer mir, Leo von ter Mählen in München. – Ihm hatte ich meine Frau gezeigt, als er noch in Holland wohnte. Kleine Gitti, diesen Freund müßtest du kennenlernen … Aber vielleicht könnte ich’s noch gar nicht ertragen, daß du ihn kennenlerntest …«