»Ei nun, das Lager Fieber kenn’ ich seit siebenzig Jahren, und das von der Luft steht sogar aufgeschrieben.«
»Wo denn, Eva? Wo steht’s geschrieben? Oh, ich fiebere wirklich vor Erwartung, die ganze Lager Luft liegt voller Geheimnisse.«
»Ein Geheimnis ist es just niet« (Evas Sprache hat einen holländischen Anklang), »aber graulich ist’s freilich anzusehen«, orakelte sie.
»Drunten in der Gruft liegt’s in einem offnen Sarg. Da sollte der Herr Joochen Lage, † 1642, drinnen liegen, aber nur das Pergament fand man anstatt seiner.«
Mit solchen Enthüllungen soll man nun zufrieden und ruhig sein. Natürlich nahm ich mir vor, sofort, gleich in der nächsten Minute in die Lager Gruft hinabzusteigen, die sich unter der nahen Kirche befindet. Besonders da Eva mich angstvoll beschwor, dies erst am 7. Tage zu tun, da sonst Gefahr bestünde, daß ich selbst noch im selben Jahr in die gleiche Gruft überführt würde. ’s ist ein hartgesottner Aberglaube hier rundherum, möcht’ ich ihn doch verjagen können mit frisch-fröhlichem Gottesglauben …
Eva hätte mich auch nicht von der Gruftbesichtigung zurückhalten können, so tat es ein Brief.
Der holländische »Enterbte«, wie er sich nennt, scheint großen Anteil zu nehmen an meiner Anwesenheit im neuen Besitz. Es sind zwar nur wenige Zeilen, aber warum schreibt er überhaupt? Mehr als einmal? Mehr als nötig? Wir kennen uns nicht. Und fast möcht’ ich sagen, seine Worte verwirren mich …
»Ich schätze, die verehrte Regenschirmbase ist mit dem Vertilgen von Staub, Spinneweben und ›Fledermäusen‹ zu Ende gekommen. – Ich sehe aus der Ferne Haus Lage schimmern und leuchten im Glanze des Mondes. Denn wir haben doch jetzt Mondschein in Lage? Wenn auch abnehmend. Und ich kalkuliere, in solch einer Mondscheinnacht wird man jetzt der alten Eva zum Trotz (meine Empfehlung an sie, sie kennt mich als ›Ritter Lage‹) in die Gruft der Väter hinabsteigen und – hu! – den Deckel von des Urahnen Joochen Sarg zurückschlagen und schaudernd lesen: ›Lager Luft verwirret Kopf und Herz.‹ – – – Es kommt darauf an, Regenschirmbase; manchmal schafft diese Verwirrung die einzig richtigen Begriffe.«
Unterzeichnet sind diese närrischen Büttenpapierberichte mit »Vetter Lage, der Enterbte.«
Als ob ich ihn enterbt hätte. Und eine Anschrift ist nie dabei. Holland ist groß. Wohin soll ich ein Gegenzeichen schicken? Ihm scheint auch gar nichts an einem solchen zu liegen. Aber da er mit dem Ahnungsvermögen eines indischen Fakirs meinen Gedanken und Vorsätzen nachspürt, so will ich wirklich erst am 7. Tage in die Gruft der Lages steigen und mich durch nichts ins Bockshorn jagen lassen. Ganz gelassen fragte ich heute die alte Eva nach dem »Ritter Lage«. »Jesus! Der Clemens!« schrie sie auf. »Ob ich ihn kenne? Da könnt’ gnädig Frölen ebensogut fragen, ob ich die Lager Kirche kenne, in der ich doch jeden Sonntag bete. Gott verzeih mir die Sünde, daß ich den Schlingel und die Kirche in einem Atem nenne, obgleich, – er war der Beste von allen Lages, von allen«, murmelte sie.