Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern Hanauer's über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem Gottstein nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt, während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]
Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.
Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:
1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.
2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.
3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.
4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.
Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.
Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. —