Die Generation, die heute in den Städten wohnt, ist größtenteils noch auf dem Lande geboren, zum mindesten stammen die Eltern oder Großeltern vom Dorfe. Der Jude des platten Landes war ein Muster an Einfachheit. Sein Leben war ein natürliches, von keinerlei „Ueberkultur” beleckt. Tätigkeit und Aufenthalt brachten die Ausübung rein physischer Arbeit mit sich. Der einfache, religiöse, mäßige Jude stellte ein Kapitel „Volksgesundheit” dar.
Daß ihre ersten Nachkommen noch von deren zähen Lebenskraft zehren, erscheint selbstverständlich. Die Urwüchsigkeit kann sich aber erschöpfen. Die Geschichte gibt Beweise des Niederganges tüchtiger Rassen. An den Adelsgeschlechtern der ganzen Kulturwelt ist nachgewiesen, daß nur das Einströmen bislang Namenloser die Kaste vor dem Verfall bewahrt hat.
Die Schattenseiten der Großstädte gelangen bei der Mehrzahl der preußischen Juden vorerst noch nicht voll zur Erscheinung. Erst in der Descendenz der Zugewanderten machen sich die Einflüsse der großstädtischen Sitten und Verhältnisse frei geltend. Ist nun der Zug nach Berlin nur eine vorübergehende Erscheinung und ein durch Zufälligkeiten bedingtes Ereignis, das morgen einem plötzlichen Abbruch unterliegt? Es gehört ein großer Mangel an sozialem Verständnis dazu, diese organische, zu einem Orkan anwachsende Volksbewegung für eine Zufälligkeit zu halten. Diese Verschiebung in den Wohnsitzen der Juden in Deutschland bedingen hauptsächlich folgende Ursachen:
- Im jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit. Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der Großstadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten wirkt anreizend auf die zurückbleibenden.
- Seit Jahrtausenden hat der Jude eine Vorliebe für geistige Beschäftigung. Bei keinem anderen Volk wurde das Studium so kultiviert und hochgehalten. Die Universität, hohe Schulen, die Akademien ziehen die Schüler und ebenfalls die um ihr Fortkommen besorgten Familien an.
- Der Kaufmann findet das vielfältigste Betätigungsfeld in der Großstadt. Mit Recht führt der stellungslose Kaufmann dorthin, wo er überhaupt leichter (und als Jude besonders) Arbeit findet.
- Da der Jude seltener Grund und Boden besitzt, und, wo es der Fall ist, mit ihm nicht sehr lange verwoben ist, so löst er sich von seiner Heimat leichter wie der bodenständige deutsche Bauer[19]. Umsomehr als der Jude erst seit 100 Jahren Land erwerben durfte und gerade in dieser Zeit die ausländischen Agrar-Produkte die Arbeit der deutschen Landwirte unterboten. Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft sah wenig rosig aus. Selbst die Nachkommen der alt eingesessenen Bauern, die nichts anderes gesehen und gelernt hatten, wandten sich anderen Berufen zu. Und nur aus Sport oder Liebhaberei steckten einige Reiche neues Geld in Grund und Boden. Trotz der kolossalen Volksvermehrung Deutschlands nahm die Landwirtschaft nicht zu. Und auch vom goldenen Boden des Handwerkerstandes war kein Schimmer. Die, welche die Berufsumschichtung der Juden mit zu geringen Mitteln ohne staatliches Verständnis und Hilfe betrieben, erlitten Schiffbruch. Nicht nur aus seelischen Einstellungen mußte der Jude sein Fortkommen im aufblühenden Handel suchen. Es wäre daher ein Wunder, wenn die Berufsstellung der Juden sich anders eingestellt hätte, als wir sie historisch erfassen.
- In der Großstadt verschwindet der Jude. Der antisemitische Geist der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin z. B. gilt sogar der Jude etwas. Eine Zurücksetzung im öffentlichen Leben, insbesondere in den großen kaufmännischen Organisationsformen, ist hier weniger zu spüren als in der Kleinstadt, in der der Jude immer um seine Anerkennung ringen muß. Eine Reihe von ähnlichen und prädisponierenden Momenten, die Herrschaft des demokratischen und sozialistischen Gedankens in der Großstadt gegenüber der konservativ-klerikalen Cliquenherrschaft, gegenüber den fühlbaren Einflüssen des Junkertums auf dem Lande und vieles andere lassen den Prozeß, der einmal in Fluß gekommen ist, nicht so rasch mehr zum Stillstand kommen. Wo so viele psychologische, ökonomische und soziale Einflüsse am Werk sind, versagen Ermahnungen und Appelle, sowie Beschwörungen. Wir müssen den zurückgebliebenen Teil in der Provinz mit einer Gesellschaft vergleichen, die sich in Liquidation befindet.
So lange Berlin nur einen Teil der Juden und zwar einen kleinen darstellte, hatte es schon eine über ihre Größe bedeutsame Beeinflussung auf die Entwicklung der deutschen Juden ausgeübt. Sobald es an Zahl die übrigen deutschen Juden überholt haben wird, werden die Vorgänge in Berlin umsomehr bewußt und unbewußt die kleinstädtischen Verhältnisse im Berliner Geist beeinflussen. Dieses Abfärben großstädtischen Geistes und großstädtischer Sitten läßt sich schon heute nachweisen.
Bei den bekannten Wechsel-Wirkungen zwischen Berlin und der Provinz, die bei den Juden besonders erstarkt sind, bleibt es nicht nur bei der Nachahmung der Mode, bei der Aufnahme großstädtischer Lektüre und bei dem Anschluß an die Organisationsformen, welche hier das Licht der Welt erblicken, sondern tausend Imponderabilien, die den äußeren Erscheinungsformen anhaften, werden mit übernommen und bestimmen auch das „dabei” der Kleinstadt und so wird der Provinzjude gewissermaßen nur noch ein Vorposten der Gemeinde Groß-Berlin. Wenn wir mit der Geschichte Berlins die Geschichte vorerst der Hälfte der preußischen Juden schreiben, so ist das nur mathematisch richtig.
[KAPITEL V.]
DAS SEXUALPROBLEM.
Die vernunftmässige Ueberlegung erobert auch die Sexualsphäre. Die Zeit, wo die Rassen instinktmässig dahinlebten und neben der Stillung des Hungers keinen anderen intensiven Lebensgenuss als den ehelichen Verkehr kannten, ist vorbei.