189519001910
männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
Bis 25 J. alt 2,021,43,321,5 18-20 J.0,110,0
3020,652,919,052,7 20-3012,035,4
3547,065,543,766,0 30-4057,969,6
4070,071,357,469,8 40-5077,770,2
4578,073,078,368,1 50-6081,556,8
5082,668,382,067,1
5583,762,768,654,6
6081,250,666,952,7

Danach waren bis zum dreißigsten Lebensjahr (1910) 12,4% der Männer verheiratet gegen 20,6% im Jahre 1895, vom 35.-40. etwas über die Hälfte. Die älteren Jahrgänge entstammen einer früheren Zeit, sodaß wir heute wohl mit geringeren Ziffern zu rechnen haben. Gleichwohl ergab sich, daß von 100 männlichen und weiblichen Juden in den Jahresklassen der 40- bis 50-jährigen 22,3% resp. 29,8% unverheiratet, (darunter über 20% ledige) eine Zahl, die nach dem Stand von 1920 auch ohne Berücksichtigung der schweren wirtschaftlichen Verhältnissen der neuen Zeit zugenommen hätte.

Die Statistik zeigt, daß die Jahrgänge 25-40 der Berliner Juden durchschnittlich mit 1700 bis 1800 Personen besetzt waren (1910), während an jüdischen und nichtjüdischen Eheschließungen zwischen 1910 und 1913 ca. 1200 Eheleute jährlich beteiligt waren, von denen wir die Witwen und Geschiedenen abziehen. Es heirateten also vor dem Krieg keine 2/3 der jüdischen Berliner Bevölkerung. Bei der allgemeinen Berliner Bevölkerung gab es von den 40- bis 50jährigen nur 10,7% männliche und 14,7% weibliche ledige, gegenüber 22 und 27% bei den Juden. Wie wir aus der vorliegenden Statistik ersehen, betrifft bei den Juden ein großer Teil der geschlossenen Ehen, Spätehen. Von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren war nur ein Drittel verheiratet. Die Folge muß eine geringe Ziffer von Geburten sein. Auch ein Heiratsalter von über 45 Jahren von Seiten des Mannes kann unmöglich zur Erzeugung einer großen Zahl von Kindern führen: unbeachtet von der Frage, ob diese späte Eheschließung noch physisch und geistig gutgeartete Kinder zuläßt. Die Erschwerung der Eheschließung, welche durch den Krieg ausgelöst wurde, betrifft die jüdischen Kreise stärker wie die nichtjüdischen, weil die Juden viel rationeller alle Fragen des Familienlebens überdenken. Die Gründung eines eigenen Heims wird auf Jahre hinaus eine schwere ökonomische Frage für alle Heiratenden sein und während bei der nichtjüdischen Bevölkerung viel eher Einschränkungen vollzogen werden, hält der Jude an dem Auftreten, an dem Schein und Zeigen eines gewissen Wohlstandes fest. Jugendliche Idealisten scheinen den Weg der Jugend zu beeinflussen. Rücksichtslos wollen sie ihre Verbindungen anknüpfen, gegen den Stachel der Gesellschaft löcken und ein Heim, wenn auch auf wirtschaftlichem Nichts, begründen. Aber können sie zum Prototyp einer Zeit werden, in der alle Nöte, Teuerung und späte Selbständigkeit ihrer Klasse so sehr die Stunde regieren? Einen Gradmesser der sexuellen Nöte verraten allein schon die jüdischen unehelichen Geburten.

In Preußen wurden uneheliche Geburten bei Juden betroffen:

in %in %
d. jüd. Geburtend. Geburten
1821/30941,71891/952373,0
1831/401272,01896/002593,4
1841/501622,41901/052613,6
1861/652503,61906/103184,2
1881/90 2482,51910/14 3185,0

In Berlin allein waren uneheliche Geburten:

1875/81518
1882/91789
1892/01847
1902/11 1051

In den letzten Jahren vor dem Krieg bildeten die unehelichen Geburten 10 Prozent der ehelichen Geburten der Juden Berlins gegen 5% in den 70er Jahren.

Weder Entrüstung noch der Ausdruck irgend welcher sonstiger krasser moralischer Werturteile ist hier am Platze. Die in der Enge des jüdischen Familienlebens erzogene Jüdin, ihre an alten Beispielen verankerte Sittlichkeit und ihre im Kreise der Kleinstadt und der Ihrigen behütete und bewachte sexuelle Auffassung hat eine völlige Ummodelung in dem Augenblick erfahren, wo das junge Mädchen in das Erwerbsleben eintritt. Eine neue Umgebung läßt neue Anschauungen aufkommen. Die Emanzipation vom Elternhaus, die Möglichkeit sich selbst den Unterhalt zu verdienen, gibt ihr die Kraft sich von aller Konvention, von aller Abhängigkeit vom Hause freizumachen, ein eigenes modernes Leben zu führen und nicht nach dem zu fragen, was einst für gut und böse gehalten wurde. Die völlige Freiheit des jüdischen Mannes ist seit langem geduldet. Vor hundert Jahren war es auch darin anders und es ist keine Unwahrscheinlichkeit, daß sich auch die Frau dasselbe laisser-faire, laisser-passer erringen wird. Ob wir es wünschen oder nicht — ist dabei gleichgültig. Der Einfluß der Civilisation, die Neuzeit mit ihrer breit ausladenden Sinnlichkeit, das Großstadtmilieu, die Einwirkungen des Kapitalismus, die unglückliche Verteilung der wirtschaftlichen Güter und die ungerechte Bezahlung der Arbeitsleistungen der einzelnen Stände und der Geschlechter u. a. bringen Einflüsse mit sich, welche eine Umwälzung in der Psyche des Weibes vornehmen. Die Ausschließung lebensfreudiger Elemente von der Ehe muß eine natürliche Reaktion sinnlicher Individuen hervorrufen und die Prediger der Enthaltsamkeit warnen so lange vergebens, als der natürlichen Regung des Weibes, ihrem unbewußten Sehnen, ihrem selbstverständlichen Trieb das eigentliche Objekt: Ehe und Mutterschaft entzogen wird. Mit dem Steigen der Ehelosigkeit der Jüdinnen nimmt die Zahl der unehelichen Geburten zu, soweit sie die Geburtenpraevention nicht verhütet, was in noch stärkerem Maße der Fall ist. Trotz allem ist ihre Ziffer nicht groß genug, um von Bedeutung für die Erhaltung der Judenheit zu sein. Die 300 unehelichen Kinder in Preußen sind eigentlich lächerlich wenig an und für sich, nur das Sinken der allgemeinen Geburtenziffern und die frühere relative Seltenheit unehelicher Kinder bei den Juden überhaupt lassen sie zu einer soziologischen Bedeutung werden. Moralstatistisch ist sie hochbedeutsam; Bevölkerungstechnisch ist ihr Wert zu übersehen.