Allerdings kann die östliche Einwanderung den Vorgang verwischen und eine Entwicklung vortäuschen, die nicht da ist. Es ist zwar zu überlegen, ob diese Zuwanderung beständig bleibt. Es deuten manche Arbeiten (u. a. von Weißenberg) darauf hin, daß auch die Ostjuden langsam aber sicher zu einer Geburteneinschränkung übergehen, und daß sie vielleicht bald keinen Geburtenüberschuß und keine Auswanderung aufzuweisen haben werden. Andererseits ist es nicht sicher, ob die deutschen Grenzen noch lange ihnen geöffnet sind, oder ob nicht andere Länder den Strom der Auswanderer mehr anziehen werden. So ist es leicht möglich, daß die Juden des Ostens nach Rußland und Sibirien, nach Canada, den Vereinigten Staaten, Südamerika oder Afrika insbes. Palästina wandern werden. Das besiegte Deutschland bietet vielleicht bald keine Chancen mehr für einen Zuzug, vielleicht bekommt es sogar eine Abwanderung der eigenen Bevölkerung und auch seiner Juden, wodurch der Abbröckelungsprozeß noch beschleunigt würde. Aber selbst bei einer Immigration in Permanenz gibt sich die Zersetzung innerhalb der deutschen Juden nicht weniger als bedeutsam und die Entwicklung der deutschen Judenheit bleibt erschüttert.[33]


[KAPITEL XV.]
SCHLUSS.

Nicht Jeremias Klagereden, sondern Esras Taten haben das Judentum erhalten.

Tänzer.

Nietzsche drückte sich einst drastisch aus: „Wenn die Statistik nichts anderes könne als zu beweisen, dass es Gesetze in der Geschichte gäbe, dann hole die Masse und die Statistik der Teufel.” Mit ihm will ich nicht rechten. Aber mit denen, die überall eine Moral angeklebt haben möchten oder gar mit denen, die immer von einer glücklichen Zukunft träumen.

Von jedem Arzt, der am Krankenlager die Diagnose stellt, verlangt man eine Therapie. Vom Tode gezeichnete Kranke wollen noch Genesungstropfen. Die Natur hat deshalb die Euphorie vorgesehen, die den Absterbenden in eine gehobene Stimmung versetzt, ihnen ein Traumbild von Gesundheit und Genesung vorgaukelt.

So lange das Gesetz von Ursache und Wirkung unerbittliche Wahrheit bleibt, hofft nur der Einfältige auf Zufälliges. Zufälligkeit ist das, was wir nicht zu erklären verstehen. Aber der Weg von der Fülle der Fruchtbarkeit zur Kinderarmut, von der Inzucht zur Vermischung, von dem märtyrerfreudigen Sich-hingeben an die Gemeinschaft zum feigen Verleugnen und willenlosesten Fahrenlassen sind Symptome und Stigmata eines großen Prozesses, dessen Stationen wir überblickten, deren Triebkräfte, Hebel und Gewalten wir befunden haben. Die Emanzipation hat die Schleusen geöffnet und den Strom der neuen Ideale in das Ghetto hineingelassen; das moderne Wirtschaftsleben, das Zeitalter des werbenden Kapitals, der Fabriken und der Technik haben ökonomische Umwälzungen bedingt. Sollen weitere Veränderungen, neue Wirtschaftsprobleme, politische Einflüsse, geistige Vorstellungen und soziale Umwallungen ein Nichts bedeuten?

Gewiß! Wenn sich aber auch von Grund auf das Bild der deutschen Judenheit ändert. Nehmt der ökonomischen Schwere den ganzen Druck (und nicht ein Gramm weniger) und kümmert euch (nicht wie impotente Moralisten) um den starken Trieb der Menschen.