Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. »Wann starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die gute, schöne, freundliche Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewußtsein?«

»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen nochmal auf und schien rings umher zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie die Mutter. »Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte die Herrin. »Nun, dorthin,« sagte sie mit verklärtem Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!« und sie schloß die Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin, dahin auf ewig!« – »Wer hat sie hier herab bringen lassen?« – »Die Königin. Sie erfuhr alles und befahl die Tote [pg 158]als die Braut ihres Sohnes neben ihm auszustellen und zu bestatten.«

»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich sterben?« – »Ach der Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und die Herrin litt ja gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre. Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, sie kommen.« Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurück. Daphnidion schloß sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.

Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!«

»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie ermordet!« Und sie brach auf seine Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!« flüsterte er, sich umsehend.

»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank gemischt, der ihm den Tod gebracht.«

Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie getrunken, geschweige, daß ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks,« sagte er laut; »aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn!« – »Was werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.

»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden, sein Weib, – seine Geliebte, wenn sie nur lebte!« – »Aber du vergißt, daß er sterben mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß du deine stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« – »Es sind deine Pläne, die ich ausführe, nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was [pg 159]klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser. Lebe wohl.«

Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist alles? Und weiter hast du nichts, kein Wort, keine Thräne für mein Kind? Und du willst mich glauben machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten Blutes siehst du sie sterben – ha, Fluch – Fluch über dich.« – »Schweig, Unsinnige.« – »Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich, deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben.«

Cethegus lächelte.