»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich führte eine Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus – ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen überm Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehöft und trat ins Thor: da stand ein prächtig Mädchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« –

»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in meinem Leben! – als der große, bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden Helm.«

»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich bat dich um einen Trunk Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich nun niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die dichten goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle Zeit.«

»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend bleibe, führe mich nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs oft zu schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern – da würd’ ich dir verkümmern und verschmachten. Laß du mich hier – ich will schon fertig werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich ja, du denkst doch auch im Königssaal nach Haus an Weib und Kind.«

»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott behüte dich, mein gutes Weib.« –

Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan. Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern’gen Weib und seinem Knaben!

Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus nicht hatte nehmen lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er zu ihm hinan. »Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst du’s nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt [pg 187]hat.« – »Nun, ich frage dich drum.« – »Ja, wenn man gefragt ist, muß man freilich reden. – Die Frau hat dir gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« – »Ja. Und was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?«

»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen Mittagsschlaf.«

»Der Faulpelz warst du.«

»Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.«