»Kommt er wieder,« drohte Rado, »lehr' ich ihn, wie man im Waldsassengau – haut! – Auf, Thorwart, auf mit dem Gitter!« – Und nun flüsterte er ganz andächtig, gen Himmel blickend:
»Unsern Ausgang
Geleite der graue
Wandrer, weise der Wege.
Die Wölfe wehr' er
Von Herde wie Hirt.«
»Hier, Giero, hier!« Er pfiff dem mächtigen grauen Hund: der trieb in unablässigem Umkreisen die zerstreuten Schafe und Ziegen auf dem weiten Platze rasch zusammen, so daß sie nun in guter Ordnung durch das geöffnete Thor und dann über den an eisernen Ketten herabgelassenen schmalen Steg über den Graben trippelten. Draußen begrüßte das kluge Tier freudig in lustigen Sätzen und laut bellend die Freiheit. Einverstanden klopfte ihm der Alte den Kopf. Fullrun folgte zuletzt; sie trug über den geländerlosen Steg gar sorgsam auf ihrem vollen linken Arm ein schneeweißes Lämmchen, das sie aus der blökenden Menge gegriffen hatte: mit der Rechten hob sie den Saum ihres rotbraunen Röckleins bis über den Knöchel des unbeschuhten Fußes: im Morgenwind flog das krause kurze Haar an ihren Schläfen: mit vollen Zügen sog sie den frischen Hauch des Morgens in die junge Brust.
V.
An demselben Morgen trabte, nachdem die Frühmesse in dem Dom zu Ende, ein bunter Reiterzug den freien Platz hinab auf die Mainbrücke zu.
Die Hengste der Männer und auch zwei zeltende Paßgänger für Frauen – mit zierlich gegitterten hohen Seitenwänden an den weichen Sätteln aus spanischem Leder – waren neben der Kirche von mehreren Knappen in Bereitschaft gehalten worden. Als das gemeine Volk aus den weitgeöffneten schön geschmiedeten Doppelthüren und über die vier roten Sandsteinstufen des Eingangs hinab sich verstreut hatte, wurden die Pferde dicht an die kniehohen »Roßsteine« geführt, die, an dem Dom, wie an gar manchem Eckgebäude angebracht, das Aufsteigen und Absteigen reitender Damen erleichterten.
Ein schlanker Jüngling von nicht allzuhohem, aber zierlichem Wuchs und von auffallend anmutvoller Haltung geleitete gar höfisch, nur an den Fingerspitzen ihren hellgelben Reithandschuh berührend, ein schönes junges Mädchen die Stufen des Domes hinab. Das veilchenfarbene Barett, geschmückt mit dem weißen Gefieder der Silbermöwe, stand gut zu dem dunkelbraunen dichten Gelock des jungen Ritters mit dem etwas helleren Bart, der überall das feine Gesicht umrahmte. Das enganliegende Wams, von gleicher Farbe wie das Barett, zeigte vorteilhaft die geschmeidigen, wohlgestalteten Glieder: die zarten Gelenke der Hände und der Knöchel schienen nicht deutsche oder doch nicht ungemischt deutsche Abkunft zu bekunden.
Lebhaft sprach er zu der jungen Dame, feurig blickte er ihr – und recht nah! – in die großen Augen von hellstem sonnig goldenem Braun, welche unter blonden, nicht allzustarken Brauen hervor freundlich und freudig in die schöne Welt hineinleuchteten. Ihre Wangen waren hold wie vom Flaum des Pfirsichs überzogen: die frischen, ein wenig aufgeworfenen Lippen lächelten gar gern und zeigten dann zierlich gereiht die weißesten Zähnlein. Ein Reiterhut von weißem weichstem Filz mit sehr breitem Rand und schwarzer Feder wiegte sich keck auf dem ganz hellbraunen, aber leicht von einem roten Schimmer durchleuchteten Haar. Gar anmutvoll war die Bewegung ihrer schmalen langen Hand, mit der sie das weitflutende weiße Wollkleid aufhob, wie die feinknöcheligen Füßlein über die Steinstufen vorsichtig hinabglitten. Herzhaft lehnte sie dabei den vollen warmen Arm auf den des Ritters; der führte sie an den weißen iberischen Zelter mit hellrotem Sattel- und Zaumzeug, der, ungeduldig harrend, mit dem rechten Vorderhuf gescharrt hatte und nun, die schöne Herrin erkennend, sie freudig begrüßend laut wieherte.