»Ihr seid ein Schalk,« lächelte sie, »wie alle Sänger, aber ein feiner.« – »Und was Ihr seid, – das singen und sagen alle Sänger der Erde nicht aus! – Nun fliege, Reiher, und verkünde in allen Landen vom Maine bis zum Jordan Minnegardens Schönheit!« Er hatte nun das Silberröhrlein um den linken Ständer des Gefangenen zusammengedrückt, die Schnalle geschlossen und gab ihn jetzt frei: der Reiher reckte sich in die Höhe, hob den langen Hals, breitete dann die mächtigen Schwingen aus, stieß vom Boden ab, hob sich und flog, mit lautem frohem Ruf der Erlösung, schwirrend in die Höhe: bald war er im fernen Blau wie ein schimmernd weiß Gewölk verschwunden.
VIII.
Das Jagdgeleit ward nun entlassen, es kehrte in die Stadt zurück; die beiden Paare jedoch, gefolgt von einigen Dienern zu Pferd, wandten sich von der Heerstraße und dem Flußufer ab nach Westen die Hügel hinan dem schönen Walde zu, der jetzt der Guttenberger heißt, damals der Königswald genannt wurde.
Sobald der kleine Zug wieder beisammen war, gab Minnegard ihrem Zelter, aber auch dem Falben ihrer Genossin einen leichten Schlag mit der Gerte, die ihr Fulko von einer Weide gebrochen: »Ei,« rief sie, »gestrenge Edel, nun wollen wir sehen, welcher Reiterin Rößlein rascher läuft: deren Herz schlägt auch wohl mutiger.« »Rascher das deine, aber mutiger nicht!« erwiderte die Blonde ernst und schoß weit an ihr vorüber. Sie wollte sichtlich allein sein; Hellmuth folgte ihr nicht; er hielt den Hengst an und blieb so auch hinter dem anderen Paare zurück.
Der steil ansteigende Weg ward bald so schmal, daß zwei Pferde nur gerade zur Not nebeneinander Raum fanden. Dies machte sich Junker Fulko zu nutze. Gar bald hatte er seinen Rappen dicht neben Minnegards Weißrößlein gelenkt und nun wich er nicht mehr von ihrer Seite. Geraume Zeit ritten sie, nur stumme Blicke tauschend, nebeneinander hin, damit begnügt, Aug' in Auge zu senken. – Da strauchelte das Tier der Reiterin – allzuwenig achtete sie des Weges! – über eine knorrige Wurzel, die den Pfad kreuzte: es drohte, auf die Vorderfüße zu fallen und seine leichte Last vornüber zu schleudern. Mit raschem Griff riß der Junker das Pferd empor und schob die Errötende in dem Sattel zurecht. Sie war wohl ein wenig erschrocken: aber sie lächelte schon wieder mit schalkhafter Fröhlichkeit: »Dank!« rief sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite … –« – »O dürft' ich's immer sein!« »Ausreden lassen!« schalt sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite, hätte mich dies Unheil nicht bedroht.« – »Wieso?« – »Ei, dann hätte ich wohl besser, zwischen den Ohren meines Rößleins durch, gerade vor mich auf den Weg geschaut, wie mich Herr Bischof Heinrich, mein geistlicher Reitlehrer und reisiger Beichtiger, gelehrt hat. Da Ihr mich in Gefahr gebracht, mußtet Ihr mich freilich auch beschützen.« – »O könnt' ich Euch auf meinen Armen über alle Gefahren hinweg – durch's Leben – tragen.« – »Gemach, Herr Ritter von Yvonne! Zunächst müßtet Ihr mich dann tragen – in das Kloster, das zu schmücken ich bestimmt bin.« – »Ihr seid noch nicht darin!« – »Aber bald werd' ich's sein.« – »Arme Minnegard!« – »Und armes Kloster!« – »Man kann Euch nicht zwingen.« »Ich zwinge mich selbst. War es doch der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Meine Oheime, die Bischöfe von Köln und von Würzburg, kennen diesen Wunsch und …! Oder vielmehr,« lächelte sie, – »weshalb wähnt Ihr, daß es des Zwangs bedürfe? Warum soll ich nicht gern eine Heilige werden?« »Weil's ein Frevel ist!« brach der Junker los, »eine Sünde wider die Natur, die Euch holdes Wunder, so wunder-anmutvoll geschaffen hat! O Minnegard, Ihr gleicht an holdem Reiz, an blühender Schöne der Alpenrose, die Euerer wie meiner grünen Heimat Berge schmückt. Ihr seid geboren, zu beglücken und beglückt zu sein! Schon Euch anschauen ist wie heiße Qual, so heiße Wonne, heiße Seligkeit! Und all dieser Reiz – er soll verblühen? O viel edle Dame! Ich sah einmal – zu Paris war's – in der Basilika der heiligen Genoveva – hinter einem Gegitter von Golddraht auf dem Seitenaltar schöne, wirklich wunderschöne vollblühende Blumen: Lilien, Rosen, Krokus, – auch eine Alpenrose war darunter! – Staunend trat ich näher: denn draußen lagen fußhoch Eis und Schnee: allein ach! meine Freude schwand! Gemacht waren sie, diese armen Blumen, aus Flitter, aus Lappen, auf Draht gezogen, seelenlos, duftlos: – vielmehr ging ein Geruch von Staub, von dumpfem Moder von ihnen aus! – Das, o holde Alpenrose, ist die Nonne! Und Ihr solltet also vertrocknen? Diese leuchtenden Augen sollten nicht Liebe strahlen? Diese roten, weißen, weichen Lippen …« – »Hört auf, Herr Fulko von Yvonne! Vernähmen es die Leute, sie dächten, Ihr wüßtet drum, ob meine Lippen weich oder hart. Und davon wißt Ihr doch so wenig wie …« – »Ach ja! wie Ihr von meiner heißen Liebe!« – »Ei, meint Ihr? Ich glaube, davon weiß ich doch ein wenig mehr!«
Und sie schaute ihn dabei so freundlich an und sie lächelte dabei so hold, daß er, kühn gemacht durch soviel Huld, fortgerissen von soviel Liebreiz seine verlangenden Lippen sehr nah unter ihren breitrandigen Jagdhut wagte. »Oho, Reitersmann!« rief sie, sich weit von ihm abbeugend. »Jetzt, – so scheint's – seid Ihr gestolpert – sehr stark sogar! Gemach! Sind das die gepriesenen Sitten der Provence? Oder sind's die Sitten in Poetenland? Man sagt, die Sänger brauchen den Mund mehr zum Singen denn zum Beten, mehr zum Trinken denn zum Singen und noch mehr als zum Trinken zum – nun, zu was anderem! Ihr pflückt wohl jedes Röslein an Eurem Wege?« – »O Minnegard, wer kann Euch sehen und noch nach anderem Reiz begehren? Und Küssen ohne Liebe: – das ist niederträchtig!«
Sein Auge blitzte in edlem Zorn, Glut schoß ihm in die Wangen: er ließ ihm sehr schön, dieser heilige Zorn der Reinheit. Sie sah zu ihm empor mit warmem Blick. »Dank Euch, Herr Fulko! Das war ein schönes Wort. Nie werd' ich's Euch vergessen! Ihr seid … Doch nein! Wozu braucht Ihr zu wissen, wie Ihr seid? Könnt' Euch am Ende eitel machen! Und unter Euern vielen, wimmelnd vielen Fehlern hab' ich die Eitelkeit – noch! – nicht entdeckt. Nicht mal auf Eure Liedkunst seid Ihr eitel. Und das gehört doch sonst wohl zum Dichter wie zum Pfau das Radschlagen? Ihr geizt mit Eurer Kunst. Man muß Euch überlisten, sollt Ihr singen! Deshalb hab' ich Euren Waffenträger bestochen, – ich verhieß ihm ein Küßlein meiner Zofe: (denn sie lieben sich!) – heute unter seinem Mantel versteckt Eure kleine welsche – wie sagtet Ihr jüngst? Die Citole! – mitzunehmen. Seht Ihr ihn dort hinten reiten? Da guckt an seinem Halse das blaue Tragband hervor. Sind wir im Waldesgrunde gelagert, dann, Herr Sänger von Yvonne, singt Ihr uns ein Lied. Nicht wahr? Ich bitte!« – »Ihr – mich – bitten? O vielsüße …!« – »Gemach! Ihr sprecht zu einer künftigen Äbtissin. Singt Ihr uns?« – »Gern. Aber – den anderen nicht. Dir, dir allein!« Verweisend hob sie den Zeigefinger. »Man sagt: ›Euch, Jungfrau Minnegardis.‹ – Ein altes Lied? Das ich schon kenne?« – »Nein. Ein neues.« – »Wann gedichtet?«
»Noch gar nicht!« – »Ja, wie wollt Ihr dann Euer Wort lösen?« – »Wie? O Herrin: