Erregt hastete er weiter, immer gerade aus nach Süden. Der treue Supfo hatte mit seinen klugen Augen schon bei den ersten Worten des Baumeisters das Gewölk gesehen, das aufstieg auf der hohen Stirne Herrn Heinrichs. »Auch hinter diesem Unheil steckt,« brummte er, »– wie hinter allem! – Berengar. Ich muß den Herrn auf andere Gedanken bringen. – Ei sieh da!« rief er. »Was verschwindet da so fluchteilig, links, hinter dem Buschwerk, vor dem Graben? Ich meine, ich kenne sie, diese fliegenden Zöpfe mit den roten Bändern! Da könntet Ihr schon wieder ein gutes Werk thun, Herr Bischof Heinzelein!« – »War der Bursche, der nach dem Maine zu davonstob, nicht Gericho, ehedem meines Hellmuth Waffenträger, jetzt Waffenschmied in dem Eisenhof?« – »Jawohl! Und das hübsche runde Kind, das da entsprang, das war die braune Rosbertha, die Tochter des Bezzo, der da ein Gärtlein hat und eine kleine Verzapfung östlich vom Südthor.« – »Hm! Was thaten die beiden da drüben?« – »Ei, was werden sie groß gethan haben? Dort ist ja der Ziehbrunnen des Wolfilo. Gericho hat wohl dem zarten Kind geholfen, den schweren Eimer heraufzuwinden.« »Du mußt deinen Bischof nicht anlügen, Supfilo,« lächelte Herr Heinrich. »Zumal ich als junger Knab' zu Rothenburg auch wohl einmal hinter einem Ziehbrunnen stand. Der Eimer wartete schon ganz ruhig auf dem Brunnenrand. Aber der Bursche stand immer noch bei ihr hinter der Brunnenmauer. Recht nah stand er. Und hielt sie, glaub' ich, an der Hand.«

»Nun ja, soll er das arme Kind etwa in den Brunnen stürzen lassen?« Herr Heinrich mußte doch wieder lachen. »Und welch' gut Werk hätte ich hier zu thun? Das Mägdlein verwarnen, den Burschen schelten –?« – »Bewahre! Hilft so wenig wie bei Arn!« – »Und dem Vater Bezzo die Augen aufthun.« – »Ja freilich! Aber nicht darüber, daß die beiden jungen Leute sich gern haben, – so dumm, das nicht zu sehen, ist der Bezzo auch nicht! – sondern darüber, daß es sündhaft ist, das frische junge Blut, statt es dem hübschen tapfern Gericho zu geben, dem alten Stedilo zu verkuppeln, dem reichen Büttner, nur weil er fromm und reich ist, der dicke. Er hat nämlich nicht eine thatfreudige Frömmigkeit an sich, sondern eine feige, sozusagen eine muffige! Und nicht eine liebliche Rundlichkeit hat er: wie … nun wie sie Sankt Urban seinen Lieblingen gewährt, sondern sozusagen: eine aufgedunsene, eine Wanstigkeit. Ihr solltet … –« – »Supfilo, ich bin nicht junger Minne Feind und Verfolger. Nein, mich freut's, wenn treue junge Liebe siegt, – wenn solche wirklich lebt, außer in Fulkos Liedern! Aber du kannst doch wirklich deinem Bischof nicht das gute Werk auflegen, junge Maide wider väterliche Muntschaft aufzustacheln!« – »Das wäre hier gar nicht mehr nötig. Nur ein wenig – stützen. Aber ich vertraue, der Alte lernt noch rechtzeitig frisches Mark und feiges Fett unterscheiden.« – – »Er sah schon wieder recht ernst darein,« sagte er nach einem raschen Blick der hellen runden Augen zu sich selbst. »Ich darf ihn nicht ins Grübeln versinken lassen –« Er spähte ziemlich ratlos umher: da fiel sein Blick auf einen Schwirreflug von weißen Tauben, die jetzt, bei stärker einbrechender Dämmerung des Brachmondtages, aus den nahen Feldern nach ihrer Heimstätte flüchteten. Die lag in dem spitzen, hochragenden Giebel eines alten braunen, vielfach mit Moos geflickten Strohdaches: rechts, westlich von der großen Straße, die damals schon wie heute auf dem östlichen Mainufer flußaufwärts nach Süden führte. Dort fielen sie ein: blendend blitzte dabei in den letzten Sonnenstrahlen ihr helles Gefieder. –

»Dorthin!« dachte der Treue. »Frau Ute! Und Wartold mit seinen Blumen! Das wird ihm gut thun. Und sie – das liebe, schlimme Kind! Und ein wenig Ärger über den andern? – Ei was, wird ihm auch gut thun, so ein gesunder streitbarer Ärger. – Und im geheimen mag er den Alten doch ganz gut leiden – noch aus der alten, das heißt der jungen, fröhlichen Zeit.« Er begann nun: »Ihr solltet doch wieder einmal einsprechen da, – da vorn mein' ich, wo die Tauben einfielen, bei der alten Mutter Ute. Trägt ihr hartes Los so fromm! Aber manchmal ein wenig Trost thut ihr doch recht wohl.« – »Ja! – Und ein paar Worte Christentums können nicht schaden in dem alten Hirtenhaus. Dem Heidenhaus! Ist die letzte Trutzburg der halb vergessenen Unholde, an welche die Leute hier zu Lande glaubten, bevor Sankt Kilian sie erleuchtete. Wohl, laß uns in Rados Haus gehen. Dort braucht's wirklich Seelsorge!« »Wenn der Alte still hält dazu,« dachte Supfo. Aber er sagte es nicht.


VI.

Rüstig ausschreitend hatten beide bald das Pfahlbürgerhüttlein erreicht.

Der starke Wolfshund vor dem Zaun schlug an, wie sie sich von Osten her dem kleinen Nebenpförtlein näherten: gleich darauf stob eilfertig zu dem großen Hofthor ein Reiter hinaus und verschwand alsbald gen Süden im Staube der Straße. Herr Heinrich schaute ihm merksam nach: er hielt die Hand vor die Augen: denn die jetzt wagrecht einfallenden Strahlen der Sonne blendeten ungeachtet des Schattenhutes; er sah nur den Mantel des Reiters noch flattern. »Ich meine fast, das war – auf seinem braunen Hengst – mein Junker Hellmuth. Was hat der hier zu suchen?« Der Kellerer machte sein ahnungslosestes Gesicht: – der Frager sah ihm nämlich scharf in die Augen. »Nun? Du weißt doch sonst gar viel von ihm – steckst immer mit ihm zusammen und mit dem lustigen Provençalen.« »Das macht: der steckt gern bei meinem Lauterwein,« schmunzelte Supfo. »Aber Junker Hellmuth … Kaum trinkt er noch! Und lachen hab' ich ihn schon seit unser lieben Frauen Verkündigung nicht mehr hören.« »Was sucht der hier?« wiederholte Herr Heinrich, nachdenklich. »Schon einmal traf ich ihn hier um die Wege. – Heda, halt, Rado!« rief er dem Hirten im grauen Wolfsmantel zu, der des nahenden Bischofs offenbar ansichtig geworden und gleichwohl beflissen war, durch eine schmale Lücke im Zaun zu entweichen. Er pfiff seinem großen Hund und enteilte gar hastig. »Komm, Giero!« rief er alsdann, diesem über den zottigen Kopf streichend, wie das Tier auf der Straße in mächtigen Sätzen neben ihm her sprang, »wir gehn zu Walde, zur alten Esche … zu unserm wahren Herrn! Seit der Held von Rothenburg ein Geschorener geworden! …«

Der Bischof schüttelte das Haupt: »er entläuft dem Hirten seiner Seele! In der Schlacht entlief er nie. Damals folgte er mir blind.« »Und würde Euch auch heute gerne folgen in die Schlacht: – viel leichter denn in den Beichtstuhl!« meinte der Runde und schloß das Zaunpförtlein hinter dem Bischof.

Gegenüber der Verwahrlosung und Unreinlichkeit, in welcher die Häuser der geringeren Leute fast ausnahmslos lagen, berührte in diesem bescheidenen Höflein das Auge gar wohlthätig die Reinlichkeit und Wohlgepflegtheit des ganzen Anwesens. Die Wiesenfläche vor dem Wohnhäuschen war durchschnitten von säuberlich mit rotem Sand bestreuten Wegen: daneben zeigten sich in dem Gras ausgeschnitten – regelmäßig mit der Schnur gezogen – bald längliche, bald kreisrunde Beete, in welchen Blumen, oft auch nicht deutscher Heimat, glänzten und dufteten, während an dem gen Mittag gekehrten Holzzaun Spalierbäume von Edelfrüchten, sorgfältig aufgebunden und liebevoll gewartet, nebeneinander in Reih' und Glied standen.

Wohlgefällig wies Herr Heinrich seinen Begleiter darauf hin: »Welcher Fleiß! Welche Reinlichkeit! Leider selten bei unsern Gauleuten!« »Ja, ja,« nickte der Kellermeister. »Auch ganz leidlichen Wein züchtet der alte Wartold … für einen Laien in der edeln Winzerei. Ein ungleich Brüderpaar. Der Gärtner gerade so sanft, friedlich, fromm …« – »Als Rado der Jäger – denn er jagt, fürcht' ich, mehr die Wölfe als er die Schafe hütet! – wild und rauh und unfromm. Muß einmal den Archidiakon über ihn schicken. Der ist schärfer als ich. Mich erweicht immer das Gedenken an die alte Zeit. Aber Berengar mag ihn …« – »Laßt den beiseite, lieber Herr. Der treibt die Leute leichter aus der Kirche denn hinein.«