Bald darauf gruben mich die Reisigen des Herrn Grafen und die Dienstmannen des Herrn Bischofs – die Hunnen waren hinweggestoben, nachdem sie die Häuser vor der Mauer verbrannt – aus dem noch qualmenden Schutt, mich und den unverletzten Knaben und ach! die beiden Toten. – Und nun leb' ich und zehr' ich bald siebzig Jahre von dem letzten Wort meines Konrad. Ich glaube an sein Wort wie an Gottes Wort so fest.«
Gerührt sprach der Bischof: »Gott der Herr hat dich gesegnet, arme Frau, in deinem Elend durch deinen Glauben.« »Ja, Herr, da sprecht Ihr wahr,« bestätigte ihr Enkel, sich aufrichtend: er hatte sich gebückt, die Schnecken von seinen Blumen abzulesen und auf dem Sandwege zu zertreten. »In aller Not hat sie dies Wort aufrecht erhalten. Und es ging ihr früher doch oft recht übel.« »Nicht Schuld meines braven Sohnes Konrad,« fiel die Alte eifrig ein – »und seines lieben Weibes: Gott lohnt ihnen längst schon beiden in der lichten Himmelsaue! Und auch wahrlich nicht, sobald die irgend eine Arbeit leisten konnten – meine beiden Enkel. Denn darin muß ich den Schwarzen loben wie den Blonden – so ungleich sonst sie geartet sind, die seltsamen Brüder. Auch mein Rado – … wo ist er? ich höre ihn nicht –?« – »Zu Walde gegangen, Großmutter.« »Schon wieder!« seufzte die Greisin. »Das ist sein Unsegen! Weiß Sankt Kilian, immer in den finstern, verrufenen Grafenwald! Böse Geister sollen dort hausen« – sie bekreuzte sich Stirn und Brust – »der wilde Jäger hetzt ob seinen Wipfeln und jagt die Holzweiblein darin mit lautem Huhu, Huhu. Bald als Hirt, bald als Jäger, bald als Köhler, aber immer in jenem Wald macht er sich zu schaffen. Schon vom Knaben auf! Seine Mutter – will sie sonst gewiß nicht schelten! – ist schuld daran: sie erzählte ihm viel, viel mehr vom wilden Jäger und vom bergentrückten Kaiser und von Waldschrat und Rauchries' und Drachenries' als von den lieben Heiligen. Aber was er früher im Waffendienst der Rothenburger verdiente und was er später hier im Hirtendienst der Bürger erarbeitete, – alles brachte er mir, der Schwarze wie mein Blonder – wie ihr Vater sie nannte. Aber der Blonde ist immer gern bei mir geblieben.«
»Nun, Großmütterlein, jetzt sind wir schon lange beide grau. Und es ist doch nicht mein Verdienst, daß es mich von Kind auf mehr freute, hier im Gehöft zu bleiben, das die Bürger dem Vater als Gemeindehirten zur Erbleihe gegeben und dies Gärtlein anzulegen und meiner lieben, lieben Blumen zu pflegen und an den Zäunen des Edelobstes und der Reben.« – »Er hat eine so glückliche Hand, mein Wartold. Alles gedeiht unter seinen geschickten, geschmeidigen Fingern …« »Der Herr hat sie ihm gesegnet, diese Hand,« sprach der Bischof, »die so getreulich die blinde Ahnin geführt hat.« »Aber auch Rados Hand!« fiel der Gärtner eifrig ein. »Wohl ist sie härter als die meine hier, aber stärker und sicherer. Er trifft den fließenden Fisch im Main! Und Bär, Luchs und Wolf, sie kennen seinen Speerwurf gut.« »Wie weiland Saracenen, Wenden und Welsche,« nickte Herr Heinrich. »Aber die Heiligen schlecht sein Beten!« »Zürnt ihm nicht, Herr,« bat Wartold. »Lieber Gott,« raunte Supfo ungeduldig, »ich kenne einen, – einen Seelenhüter, nicht bloß Gemeindehüter – der hat die längste Zeit seines Lebens auch viel lieber den Auerhahn im Buchenwald balzen als den Pfaffen im Dom Messe singen hören.« »Und nun geht ja doch bald alles zu Ende, Gott sei Dank,« erinnerte Frau Ute. »Da gönnt ihm doch noch sein bischen Jagen.« – »Meint Ihr, gute Frau? Noch hat sich die heilige Kirche nicht ausgesprochen über jenen Glauben.« »Herr Bischof,« fragte Wartold, sehr ernsthaft, »was meint Ihr? Giebt's im Himmelreich auch Blumen?« Herr Heinrich schwieg verdutzt einen Augenblick. »Das … das hat mich noch kein Mensch gefragt! Und ich mich selber auch nicht! – Blumen? – Weiß nicht! – Aber ja! Doch wohl! Palmen, Palmen für die Märtyrer.« »Ach, die wachsen nicht bei uns,« klagte Wartold ganz betrübt. »Hab' sie immer nur gemalt gesehen in den Kapellen. Von denen hab' ich kein Verständnis; werde sie am Ende zu trocken halten,« schloß er nachdenksam. »Die Wipfel in Glut, die Wurzeln in Wasser taucht die Palme, so lehrte mich der Araber, den Ihr eine Weile hier als Geisel gehalten.« »Nun, Gärtner, verzagt mir nur nicht,« lachte Herr Heinrich. »Eben fällt mir bei: auch Lilien brauchen sie da oben für die Jungfrau Maria. Und um die Stirnen der Seligen zu kränzen. Und auch Engelein sah ich zu Rom im Sankt Peter auf Goldgrund fliegen, – die trugen weiße Lilien in den Händen.« »Eia, Eia!« rief der Alte vergnügt und rieb sich die Hände in heller Freude. »Gott lohn' Euch dieses Wort, Herr Bischof! Lilien! Lilien, sagt Ihr? Nun seht: das sind ja gerade meine Lieblinge. Und ein klein wenig,« nickte er lächelnd, »ein klein wenig verstehe ich mich auf deren Pflege! Habe dafür am meisten Geschicklichkeit. – Oder Gnade von Sankt Gertraud, will ich sagen. Seht nur, frommer Herr Bischof, dort das runde Beet. Zwei neue Arten! Haben hier zu Lande noch nie geblüht. Die eine – die weiße – gefüllt! Und die andre – die feuerrote – noch viel süßer duftend als die weißen! Ein Freund von mir, der Klostergärtner von Herrieden, der seinen Abt auf einer Pilgerfahrt nach Rom begleiten durfte, brachte mir die Zwiebeln mit aus einer welschen Stadt: – die soll nach den Blumen benannt sein: ach diese Stadt möcht' ich wohl gesehen haben! Aber nun ist's zu spät. Seht nur, wie sie gedeihen! Und noch schönere hab' ich in dem Neubruch, den ich angelegt – weiter gegen die Stadt und den Main hin, die solltet Ihr mal sehen!« »Der Alte hat eine Liebe zu den unnützen Stingel-Stengeln,« brummte Supfo, »als wären's wirklich Reben vom Stein!«
»O, Herr Bischof,« fuhr Wartold fort und faltete die Hände, »komme ich – Unwürdiger! – doch etwa in den Himmel … –« »Er ist dir sicher, schon wegen des vierten Gebots,« sprach die Blinde. – »Dann legt ein gutes Wort für mich ein bei Eurem Amtsbruder, Sankt Petrus – der hat ja doch wohl das Ganze des himmlischen Hauswesens unter sich, nicht? Ich meine: die Vergebung der Ämter zu Lehen! – Bittet, daß ich sein Gärtner …, ach so, wegen der Palmen? Nun, die werd' ich mir wohl auch anlernen können! – o wenn ich nur sein Gärtnergehilfe werden darf. Ewiglich der Lilien pflegen, wie selig!« Und seine sanften blauen Augen leuchteten ganz verklärt. »Sancta simplicitas!« sprach Herr Heinrich gerührt zu sich selber. »Mir ist, diesem reinen Herzen ist der Himmel gewisser als mir.« »Soll ich einmal selig werden im Himmel – aber es eilt nicht, gar nicht!« – raunte Supfo – »reiß' ich ihm die Lilien aus und setze Leistenschößlinge!« – »Wenn nur dein wilder Bruder,« warnte Herr Heinrich, »nichts Ähnliches wünscht wie du: zwar nicht ewig gärtnern, aber ewig jagen!« »Sankt Kilian schütze ihn,« rief die Alte, »vor solch' frevelem Wort! Da müßte er ja dem wilden Jäger folgen immerdar.«
Der Bischof wandte sich zum Gehen; vorher aber zog er noch ein Geldstück aus seiner ledernen Gürteltasche, reichte es dem Alten und sprach: »Da! Nimm! Ich kaufe dir all' deine Lilien ab. Das heißt: – erschrick nur nicht! – alles soll dein eigen bleiben: Beet und Zwiebeln und Stengel und Blätter und Blüten –« – »Ja, aber was – was ist denn dann die Ware, die Ihr kauft?« – »Du sollst mir nur, soviel ich davon brauche, an Sonntagen zum Schmuck des Hauptaltars des Domes liefern. Bist du's zufrieden?« – »Gewiß, Herr! Welche Ehre für meine Blumen! Meine Fullrun soll sie Euch immer, frisch geschnitten, bringen. Aber – es ist des Geldes ja viel zu viel. Und für so kurze Zeit! Wie viele Wochen wird denn die Welt noch stehen?« »Es ist zum Lachen,« schalt Supfo in sich hinein. »Sie glauben fest an die Dummheit.« – »Nun, für so lange eben gilt der Handel, als die Welt, der Dom und die Lilien noch stehen.« – »Gut, gut. Aber …« – »Noch ein Bedenken, Alter?« – »Wenn der jüngste Tag an einem Sonntag gerade hereinbricht …?« – »Nun, was dann?« »Dann,« rief der Greis tief erregt, »dann geht der Himmel Euerem Altare vor! Die letzten, die ich hier gezogen, die nehm' ich mit hinauf, die Stirnen der Seligen dort oben damit zu schmücken. Zumal Eine Stirne …!« Die Stimme versagte ihm: – die blauen Augen wurden feucht. »Nun, Wartoldchen, mein Junge, nun!« tröstete die Blinde. »Mußt nicht weinen! Siehst sie ja nun bald wieder, Friedlindis, deine gute Frau! Hast sie nicht so lange entbehren müssen wie ich meinen Kurt. Sie starb, nachdem sie ihm das liebe, schlimme Kind geboren. Sind erst fünfzehn Jahre. Da thut so was noch heiß und bitter weh!« »Sind erst fünfzehn Jahre,« wiederholte Herr Heinrich tonlos, »da thut so was noch heiß und bitter weh. Ach, und er hat nur ihren Leib, nicht ihr Herz verloren!« brütete er still weiter. »Und kann der Mann ein Weibesherz verlieren, das er einmal besessen? Weh, ich bilde mir nur ein, ich hab's verloren. Sie hat kein Herz. Oder ich hab's nie besessen.«
»Was ist Euch, Herr Bischof?« fragte die Blinde. »Ihr leidet! Ich hör's! Ihr atmet so schwer.« Supfo zupfte sie am Rock, sie möge schweigen.
Aber Herr Heinrich hatte sich schon wieder emporgerafft: »Lebt wohl, ihr guten Leutchen. Bald komm' ich wieder zu euch. – Friedlich ist's bei deinen Blumen, Wartold. Ich will beten für euer Heil im Himmel. Betet ihr für meinen Frieden – auf Erden! Komm, Supfo! Nach Hause! In die Einsamkeit.« Und hastigen Schrittes eilte er aus dem Garten.