»Ah, verstehe jetzt. Versteh! Nix dumm!« nickte der Fürst, kratzte sich eindringlich, – aber vergeblich am Kopf und trank.

»Drei Bischöfe – Poppo, Hugo und Bernward – hatte ich, höher und höher steigend in geistlichen Würden, erlebt. Nun hatte ich allen Grund, anzunehmen, – mein Amt als Archidiakon, als Apokrisiar, meine von allen laut anerkannten Verdienste um das Bistum gaben mir ein Recht dazu – bei der nächsten Erledigung des Stuhls könne keinen andern die Wahl treffen als mich. Ich zählte schon so fest darauf, daß ich – vielleicht unvorsichtig! aber wie hatte ich mich jahrzehntelang zusammengehalten! – den Stolz, das Gefühl des geborenen Herrschers, der Überlegenheit fühlen oder doch erraten, ahnen ließ – kurz, Bischof Bernward verfiel in seinen letzten Zeiten in Mißtrauen, wirkte bei dem Kaiser, bei den Domherren gegen mich und als er starb, der alte Rothenburger, da folgte ihm nicht ich, sondern sein Neffe Heinrich!« – »Ja, der Rothenburger,« knirschte Zwentibold und griff ans Schwert. »Der arge Wolf des Waldes fresse seine Seele! Was hat er uns früher viele Brüderlein erschlagen.« – »Dieser höchst ungeistliche Graf, der erst vor ein paar Jahren – plötzlich – der Welt entsagt hatte! Dieser Weltling schnappte mir mein schwer verdientes Bistum weg! Bei meines Vaters Grab! Er soll's nicht lang mehr tragen.«

Zwentibold lehnte sich zurück, blinzelte dem Priester zu und wölbte die dicken Lippen zu einem gelinden, aber ausdrucksvollen Pfeifen: »Ahi! Aho! Fange an zu begreifen!« – »Das geht – scheint's – langsam, Fürst, bei Berunzanen wie bei Deutschen. Meintet Ihr wirklich bisher, für eines andern Macht müht sich der Königssohn Italiens so emsig ab, feilscht um die Hilfe Eurer wilden Horde, begiebt sich in hohe Fährlichkeit? Denn Reichsverrat ist was wir treiben: – ich, mit Wollust, in klarem Bewußtsein: – der ehrenfeste Bischof unbewußt, aber doch mit mahnendem Gewissen. Das Leben kann mir's kosten: – im Gefecht oder – nach der Niederlage: – am Galgen. Denn Graf Gerwalt versteht keinen Scherz.« »Mich wundert doch,« sprach der Wende, kopfschüttelnd, »daß es der Rothenburger thut. Er focht so treu für dieses Reich.« – »Gerade so treu ficht er jetzt für seines Bistums Recht. Aber Ihr habt nicht Unrecht. Ich hätte ihn nicht soweit getrieben ohne einen glücklichen Zufall. Der Graf, dem er den Gau zunächst abkämpfen muß, dieser Graf Gerwalt, – er haßt ihn tödlich.« – »Warum?« – »Weiß nicht. Man flüstert in der Stadt, der Graf habe ihn ausgestochen in der Gunst der schönen Kaiserwitwe. Ich entdeckte diesen Haß, als – erst ganz vor kurzem – Gerwalt, bisher Graf des Deutzgaues gegenüber Köln, den Waldsassengau mit Würzburg erhielt. Der Rothenburger wurde glutrot vor Zorn bei der Nachricht. Erst seit es gegen Gerwalt fechten heißt, will er – im Notfall – fechten. Im Notfall! wie er meint: denn erst will er den Spruch des Reichstags abwarten: – nur falls dieser sein sonnenklares Recht nicht anerkennt …« »Kann nix solang warten,« grollte der Slave. »Gewiß nicht! Deshalb hab' ich, statt Euch erst Wartegeld zu zahlen, gleich fest mit Euch abgeschlossen. Wann brecht Ihr auf?«

»Sobald mein frischer Zuzug eingetroffen aus Tethin: zweihundert Lanzen!« – »Gut! Seid Ihr einmal – in seinem Namen – eingebrochen in den Gau, kann er nicht mehr zurück. Er darf nicht mehr Zeit haben, zu bereuen. Deshalb wollen wir auch gleich wegziehen von hier und unsere Spur verbergen, damit mich seine etwaigen Boten nicht finden und abrufen können. Denn es gelang mir doch nur dadurch ihn fortzureißen, daß ich dem verhaßten Grafen Droh- und Hohnworte in den Mund legte, die dieser nie gesprochen! Ich erfand sie – jenem Gerücht angepaßt! Das half! Wie der Stier aufs rote Tuch stürmte der plumpe Deutsche darauf hin los. Aber nun merkt auf. Jetzt kommt die Hauptsache. Der Rothenburger –« er stand auf, trat vor die halb offene Thür in das Freie und überzeugte sich, daß dort niemand das Ohr an die dünne Bretterwand lehnte. Dann kam er zurück, warf einen Blick in die anstoßende Küche, sah, daß diese völlig leer war, trat nun dicht an seinen Verbündeten heran und flüsterte diesem in das Ohr: »der Bischof darf seinen Sieg nicht überleben.« »Aha,« nickte der Slave. »Meint Ihr, ich will noch jahrelang in seinem Dienst, als sein Knecht, zusehen, wie er mit den von Kaiser Karl verliehenen Rechten den Gau beherrscht, den er mir verdankt? O nein! Ohne Zweifel werde ich zu seinem Nachfolger gewählt: – er selbst hat im voraus, falls er stürbe, die Stimmen des Kapitels für mich gewonnen: – so möge denn sein eigener Wunsch geschehen: – aber bald.« – »Jedoch wie soll …?« – »Merkt auf! Er wird nicht fehlen in dem Gefecht! Er läßt sich's nicht nehmen, selbst den Überfall der Burg – denn die vor allem müssen wir nehmen! – zu leiten.« – »Ich führe meine Wölflein selbst,« erwiderte der Häuptling schroff. »Und nicht schlecht, glaubt mir. Hab' was gelernt im Dienst der Byzantiner! Nix so tölpelig bloß dreinschlagen wie diese Deutschen!«

»Schon gut. Aber der Rothenburger kämpft jedenfalls mit. Nun wohl! Nach dem Sieg – den soll er uns noch erkämpfen helfen! – fliegt nicht ein Pfeil oft irr im Gefecht? Auf der Verfolgung der Fliehenden? Kann ihn nicht ein Geschoß – falsch gezielt – von Euren eigenen Leuten treffen?« Zwentibold sprang auf: »Oder ein geworfenes Messer! Sind vergiftet. Ein Hautritz – muß sterben. Fehle nie meinen Mann. Es gilt! Aber dann …« – »Das Doppelte!« – »Nix genug.« – »Wie, Unersättlicher? Ich bringe – auch als Bischof – nicht mehr auf.« – »Nix mehr an Geld. Erst das Doppelte. Dann – andres. Ist wilder, lustiger! Vorerst: meine Wölflein müßt Ihr auch in die Thore hinein lassen.« – »Er will's zwar nicht. Aber der Überfall der Burg – der Kriegsmann in ihm wird's einsehen – gelingt am sichersten so. Ihr sollt hinein!« – »Hui wohl! Dann – liegt er erst tot – nix zahm die Hand hinhalten, wie Bettler um Geschenklein – dann –« Die Augen des Slaven funkelten, wie die des Raubtieres, das zum Sprunge niederduckt. »Nun, was dann?« »Plündern!« stieß Zwentibold hervor mit schnalzender Zunge. »Nur zwölf Stunden! Mit Brand und Blut und – nix zu vergessen! – die Weiblein küssen, – ohne kirchlichen Segen. Ihr wißt, wir brauchen den nix,« höhnte er, »sind nix getauft!« – »Das muß ich doch …« – »Erst überlegen? Nix! Herr Bischof Berengar muß!« Seine Faust fuhr an den Schwertgriff. »Oho! Es giebt der Söldner noch mehr.« »Wohl«, lachte der Häuptling, daß seine weißen Zähne blitzten. »Aber Zwentibold, Spithinieffs Sohn, kennt jetzt des Herrn Archidiakons Geheimnisse.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Lombarde, scheinbar ruhig, aber er ward ganz bleich unter seiner gelben Haut.

»Ihr seid nix so dumm, das nicht zu erraten! Entweder Ihr thut nach meinem Willen oder ich fange an, Geschichtlein zu erzählen. Dankbare Hörer, gut zahlende, werd' ich finden: den Herrn Kaiser, den Grafen Gerwalt und – nicht zum mindesten – den Bischof Heinrich.« Er sprang auf. Berengar that desgleichen und reichte ihm die Hand. »Es sei! Ich gönn' es diesen Deutschen!«


Drittes Buch.

I.