Diese Worte schlugen an Edels Ohr wie sie, vom Gedräng aufgehalten, mit Minnegard einen Augenblick verweilen mußte: sie schlug die Augen auf, glühendes Rot schoß aus dem stolzen, verhaltenen Herzen in die bleichen Wangen bis unter die lieblich krausen Haare über der Stirn; ganz verstohlen, von keinem gesehen, flog von der Seite ein leuchtender Blick stolzer Freude über die edle Gestalt des Jünglings hin. Aber auch die folgenden Worte Gerichos, obwohl er sie seinem Liebchen leise zuflüsterte, vernahm ihr feines Ohr.
»Der Unselige! Ganz verwandelt ist er. Er lacht nicht mehr. Sogar Roß und Speer, und all' seine Waffenfreude sind ihm verleidet. Er muß verzaubert sein von irgend einem Neider, der ihm den vielen Ruhm nicht gegönnt hat. Wüßt' ich den Zauberer, ich riß ihm das Herz aus dem Leibe.«
»Vielleicht ist's eine Zauberin, die ihn verwunschen,« meinte Rosbertha mit leisem Grauen. »Es giebt solche. Er ist gar schön. Vielleicht that's Eifersucht – verschmähte Liebe.« – »Oder auch: er grämt sich um ein Weib.« Hastig schritt Edel fürbaß, Minnegard an der Hand mit sich ziehend.
»Nun, Nachbar Bezzo,« rief der dicke Büttner dem Wirte zu, »wann endlich schließen wir ab? Ich bin jeden Tag bereit, den Muntschatz zu zahlen – soviel Ihr fordern mögt. Ich kann's! Ich hab's liegen. Ich bin ein Mann, der Frau und Kind ernähren kann.« »Könnt Ihr sie auch beschützen?« fragte Gericho, blitzenden Auges hinzutretend. »Schämt Ihr Euch nicht, alter Kahlkopf? Rösleins Großvater könntet Ihr sein!« »Immer noch jung genug,« erwiderte der Dicke, »dich, Nestling, zu züchtigen«: und er holte mit der Rechten, zornig aufstehend, zum Schlage aus. »Ihr? mich?« lachte der. »Versucht's! Für Euch brauch' ich nur die Linke. Da! Seht! Meine Rechte leg' ich auf den Rücken – so! – und rühre sie nicht, bis Ihr am Boden liegt. Kommt an!«
»Nachbar,« meinte Bezzo, »das könntet Ihr wagen, mein ich. Gebt dem Keckling eine Lehre.« Sichtlich nicht gerade gern befolgte Spedilo seines Freundes Mahnung, hob die beiden Fäuste und schritt drohend gegen den Burschen heran.
Der unterlief ihn, schlang den linken Arm um seinen Leib und, ohne den rechten Arm vom Rücken zu lösen, lupfte er den schweren Gegner ein wenig in die Höhe, drehte ihn um und warf ihn bäuchlings in das weiche Gras der Wiese. Lautes Gelächter, tosender Beifall erscholl von allen Seiten und Gericho hob nun die Rechte, dem schwerfällig sich Aufrichtenden einen herzhaften Schlag auf die untersten Grenzgebiete seines Rückens zu versetzen.
Aber mitten im Ausholen hielt er ein: er lauschte, vorgebeugt, flußaufwärts und rief: »Halt! Haltet an! Still ein wenig! Was ist das?« Und er ließ den erhobenen Arm sinken. – »Jawohl! Stille!« – »Horcht! Gebt Ruh.« – »Was für ein Gedröhn!« – »Dort von Mittag her – auf der großen Straße!« – »Sind's Feinde?« – »Die Hunnen kommen wieder!« rief entsetzt ein altes Weiblein. »Nein! Es sind Drommeten!« – »Nein! Posaunen!« – »Aber nicht das deutsche Heerhorn!« – »Und Grabgesänge tönen drein!« – »Wie schauerlich!« – »Immer näher kommt's.« – »Schon sieht man die Staubwolken!« – »Viele, viele Reiter!« – »Und Wagen.« – »Da! Da sind die ersten Reiter schon!« – »Was bringen sie? Was hat das zu bedeuten?«
Und die mehr als zweitausend Menschen auf der Wiese gerieten in wirre Bewegung: Alles drängte den die breite Heerstraße heranziehenden Ankömmlingen entgegen.