So ward die Tieftraurige untergebracht in das Haus der »Religiosen«, das nördlich der Stadt vor dem Holzthor, aber innerhalb des Pfahlhags auf dem rechten Ufer flußabwärts an der heutigen Straße nach Veitshöchheim lag: hier ward sie von den frommen Frauen für die Einkleidung vorbereitet, die – nach Anordnung des Bischofs – von diesem selbst in dem Dom in der letzten Stunde vor Mitternacht vorgenommen werden sollte.
Edel bezog mit Malwine, der alten Pflegerin, ein kleines, dem Bischof gehöriges Häuslein, das, gerade dem Religiosenhaus entgegengesetzt, flußaufwärts vor dem Südthor und der Sandvorstadt in der Nähe der großen Festwiese, aber auch außerhalb des Pfahlhags lag. Sonder Abschied hatte Fulko die Geliebte müssen ziehen lassen; denn er wie Hellmuth wurden gleich in den nächsten Tagen nach jenem verhängnisvollen Schützenfest von Herrn Heinrich sehr häufig außerhalb der Stadt im Gau verwendet. Der waffenfrohe Bischof fand nämlich neben der unablässigen geistlichen auch weltliche, kriegerische Arbeit in diesen Wochen. Denn keineswegs alle Seelen wurden durch den Gedanken des nahen Endes zerknirscht: es gab doch auch gar viele rohe, kraftstrotzende Männer, in der Vollkraft der Jahre, in welchen umgekehrt die Flammen der Genußgier noch einmal wild aufloderten bei der Vorstellung des baldigen Erlöschens für immerdar. Von wahnsinnigem Drang nach Erdenlust jeder Art ergriffen, betäubten sie ihre Angst vor dem Tod und fröhnten zugleich ihrer Sinnengier in wüsten und verbrecherischen Thaten gegen alle Gebote der Kirche und gegen alle Gesetze des Reichs.
In der Stadt selbst hielt Herr Heinrich solche Ausbrüche nieder mit eherner Faust. Es war dem tapfern Manne sehr erwünscht, daß die Abwesenheit desjenigen, der durch sein Amt berufen war, den Landfrieden zu wahren, des Grafen, mit fast all seinen Reisigen in Italien, dem Bischof die Erfüllung dieser Pflicht zwar keineswegs von Rechts wegen aufzwang, aber doch ermöglichte und nahelegte.
Wie in anderen Teilen Deutschlands hatten sich im Waldsassen- und Rangau bei Würzburg, zumal aber auch in den armen Gegenden des Spessart, dann im Maingau, wohin der Mönch Monitor seine aufregende Verkündung zunächst getragen hatte, bewaffnete Scharen zusammengerottet. Sie suchten mit Raub und Brand die nächsten Herrensitze, ja auch Klöster heim, sie erbrachen hier die vollen Weinkeller, die strotzenden Vorratskammern ihrer Herren – die oft ihre Peiniger gewesen waren – oder ihrer reicheren Nachbarn und nahmen sich mit der Faust zu einem letzten Rausch, zu einer letzten Völlerei, was ja doch in wenigen Tagen dem Untergang geweiht war: auch manche Weiber und Mädchen rissen sie zu wilden, schamlosen Reigen und oft zu schlimmeren Dingen fort.
Es waren meist Unfreie, die ihren Herren entlaufen waren, entsprungene Gefangene, Landstreicher, Waldgänger, Räuber, unzufriedene verarmte Kleinbauern. Schwer aber fiel es Herrn Heinrich aufs Herz, als ihm gemeldet wurde, auch viele jener Bauleute seien darunter, die er plötzlich aus Arbeit, Brot und Lohn entlassen hatte.
Daß so er – er selbst! – die Scharen jener Mordbrenner verstärkt habe, – das legte ihm die rasche, kraftvolle Dämpfung der Unruhen noch besonders als Pflicht auf das Gewissen.
So gab er sich denn mit heißem Eifer wie mit altbewährter Stärke und Umsicht dieser kriegerischen, staatlichen Aufgabe hin. In einer kampffreudigen Predigt in der in diesen Tagen immer bis auf den letzten Fleck gefüllten Domkirche forderte er alle wehrfähigen Bürger der Stadt und des Gaues auf, sich zu waffnen: – er stellte ihnen die eigne reiche Waffensammlung zur Verfügung – und zusammen mit seinen Dienstmannen unter Führung seiner Ritter die Umgegend zu durchstreifen, die bedrohten offenen Landsitze, Dörfer und Klöster zu schützen, die Banden aufzusuchen und zu zerstreuen.
Seine flammende Beredsamkeit – »wie ein Herzog sprach er, nicht wie ein Pfaff,« meinte Fulko begeistert – hatte guten Erfolg: wohl ein paar hundert Bewaffnete sammelten sich alsbald um den Bischofshof: hatte er doch solches Thun für gottwohlgefälliger und verdienstlicher noch denn Fasten und Beten erklärt! Und eine Freude und heiß erwünschte Erholung von den jetzt fast erdrückenden geistlichen Geschäften war es ihm, gelegentlich selbst, hoch zu Roß, die Sturmhaube auf dem Haupt, das Schwert in der Faust auszuziehen – nicht gerade ganz im Geist der Canones! – an der Spitze einer solchen gewaffneten Schar und eine Rotte von Räubern und Landbrennern auseinanderzusprengen, wie sie Aschaffenburg im Nordwesten, Kissingen im Südosten bedroht und geschädigt, aber auch im Waldsassengau in der Nähe von Würzburg selbst Holzkirchen, Helmstädt, Utingen, Römlingen, Fotingen, Birkenfeld, Himmelstadt, Steinbach, Trifenfeld heimgesucht hatten mit Gewalt und Plünderung. Da hatten außer dem Bischof selbst seine Junker die Hände voll kriegerischer Arbeit. »Es ist all nicht genug,« schalt gleichwohl Hellmuth. »Sie halten nicht Stand, die feigen Schächer. O nur noch Ein tüchtig Einhauen vor dem Ende!«