Und der Alte streifte den geflochtenen Bundschuh von der linken Sohle, trat barfuß auf die Breitfläche seines nackten Weidmessers, das er vor sich niedergeworfen hatte, streifte den Mantel von dem rechten Arm zurück, riß Gras, Kraut und Erdschollen aus dem Boden neben den Wurzeln der Heidenesche, streute sie auf sein graues Haar und hielt den runden Spiegel derart empor, daß die Strahlen des Mondes schräg hineinfielen, Hellmuth aber wie er selbst auf die Metallscheibe blicken konnten. Er drehte sich dabei langsam im Kreise und winkte dem Jüngling, ihm zu folgen. Lange schwieg er. Zuerst hatte er den Spiegel gen Norden – nach der Stadt zu – gehalten: man sah nichts. Dann drehte er ihn gen Westen dem Flusse zu: – lange hielt er hier inne. Weiter drehte er ihn gen Osten – nichts zeigte die Scheibe. Endlich wandte er sie gen Süden, – flußaufwärts.
Alsbald fuhr er zusammen. »Seht Ihr?« raunte er leise. »Es zuckt durch meine Hand! Von dorther! Von Mittag – nein, von Südost also – reiten sie an da unten – auf der großen Heerstraße!«
In dieser Richtung jagte der rasche Wind dunkles Gewölk wechselnd mit Helle über die Mondscheibe hin: – phantastisch wirre Gestalten: – und demgemäß verdunkelte und erhellte sich der Spiegel.
»Schaut!« Dem Alten zuckte und bebte vor Erregung die starke Hand. »Allen voran der Schwarze! Auf schwarzem Gaul! Den gilt es, vor allen zu treffen! Und hinter ihm – seht nur! – die ganze dunkle Schar, zu Roß, zu Fuß! Schaut wie sie wimmeln und drängen! Danke dir, Mutter! Nun weiß ich's gewiß! Ich werde nicht fehlen! In mancher Sturmnacht hab' ich's geschrieen in die Wolken hinauf: ›Hör' es, Herr Wode oder wilder Jäger, oder Kaiser Karl oder wie immer du heißest, der da oben brausend hinfährt über meinem Haupt: ich kämpfe für dich im letzten Kampfe. Dafür gieb mir Weidmannsheil und treffende Pfeile.‹ Hoch aus den Wipfeln, lachend, gleich der Eule, rief er Gewährung hernieder: – nie fehlte mein Pfeil. So fehle auch ich nicht in seinem letzten Kampfe.«
»Noch ich,« sprach Hellmuth ernst. »Merke: keinem andern als dem Himmelsherrn gelob' ich meine Seele. Aber in dem Kampf, der – auch die Priester sagen's ja! – in der Sunnwendnacht gekämpft wird auf Erden gegen Satan und all sein Heer – den Kampf kämpf' ich mit, Alter: wir reiten zusammen in die Teufel! Zur rechten Stunde bin ich da unten – wo der Reitweg abbiegt – zur Stelle.«
Und von ihm hinweg schreitend zu seinem Roß, sprach er zu sich selber: »Das höchste Glück der Welt – es war, in Edels Arm zu ruhn. Es blieb versagt! Das zweite ist der Siegeskranz von höchster Ritterschaft: – den will ich mir ertrotzen. Sankt Georg soll gestehen: ›nie sah ich Ritter ritterlicher streiten‹ und – noch einmal – jenseit des Grabes – soll mich Edel müssen krönen.«
VIII.
Näher und näher kam der verhängnisvolle Tag der Sonnenwende, der Johannes dem Täufer geweihte vierundzwanzigste des Brachmonds.
Da begaben sich seltsame Dinge vor und in dem Hause des reichen Kaufmanns, des Kornhändlers Renatus. An dem klugen Manne rächte sich nun der Christenglaube, den er nicht aus Überzeugung, den er aus heuchlerischer Selbstsucht und aus Feigheit angenommen hatte. Und damals war es nicht wie später mit dem einmal abgelegten Bekenntnis, also einer einzigen Lüge, abgethan. Wie alle andern Christen mußte der neugetaufte Jude all' die durch das ganze Kirchenjahr sich hinziehenden äußeren Bethätigungen des Glaubens mitmachen vor allem Volk. Täglich – wo irgend thunlich – mußte er die heilige Messe hören, alle vorgeschriebenen Fasttage einhalten, die öffentlichen Aufzüge durch die Stadt mit wallenden Fahnen und Umhertragung der hölzernen Heiligenbilder begleiten, alle die vielen anderen Feste mitfeiern, die öffentlichen Gebete einhalten und mindestens sechsmal im Jahre zur Beichte gehen. Scharf überwachte die Seelsorge der geistlichen Oberen den Neugewonnenen, strenger als die Altchristen: und wehe dem Jüdling, gab irgend seine Lässigkeit Grund, ihn des Rückfalls zu beargwöhnen!