Sie seufzte und zog den Schleier vor die Augen.
»Beim Donnerstrahl, ich kann's ihm nicht verdenken! Nicht Freunde waren wir: – nur Waffengenossen, Jagdgefährten, Bechergesellen – oder Nebenbuhler um Ruhm und Glanz und Lebensfreude. Daß er die schönste Jungfrau liebte, die wir – beide – jenseit und diesseit der Alpen – gesehen, daran that er recht. Und daß er ihre Hand nahm, als sie ihn vorzog, daran that er wahrlich nicht unrecht. Also – will ich – nur als Mann, gar nicht als Priester – fragen – also warum Haß und Groll gegen – ihn?« – »Aber gegen mich, nicht wahr?« Das brach aus ihrer Brust wie aus dem Felsen der Quell, wie aus dem Vulkan das Feuer – weil sie müssen.
»Ah!« Und mit herzzerreißendem Klageton schlug sie die Stirn gegen die Holzwand und bedeckte den Kopf mit den beiden durchsichtigen Händen.
XII.
Aber diesmal erweichte sie ihn nicht, die rührende Stimme, den grimmen, seit langen Jahren verhärteten Groll des Mannes. Einen Augenblick noch blieb er vor ihr stehen mit festverschlungenen Händen: dann wandte er sich jäh von ihr ab und stürmte in raschen Schritten – in abgebrochenen Sätzen redend – den Saal auf und nieder. »Kann es anders sein? – Bedenkt doch! – Ihr habt es wohl all vergessen – in diesen langen Jahren – an der Seite des schönen Gemahls? Ich nicht! Ich war nicht – abgezogen durch neues Liebesglück! – Merkt auf, ob ich's noch weiß. Und straft mich Lügen – gleich! – thu' ich Euch unrecht – nur mit Einem Wort. – –
Jahrelang kannten wir uns – am Hofe der Regentin … Ihr stets in der hohen Frau Geleit: – auch ich nur selten fern von ihr. Denn sie hielt viel auf Euch. Und auch – ein wenig – auf mich. Seit ich zuerst Euer Antlitz geschaut … – Genug! – Ihr merktet es bald – leugnet es nicht! – mußtet es merken! Und nach vielen Monden treuen Werbens – durft' ich annehmen – durft' ich wenigstens hoffen: … Frau Gräfin: sagt es offen, wenn es Einbildung eines eitlen jungen Thoren war. Durfte ich nicht hoffen – ich sei Euch nicht ganz … o wie sag' ich nur?«
Er stand jetzt wieder dicht vor ihr.
Da löste sie langsam die langen, schmalen Hände von dem Gesicht, wandte ihm voll das blasse Antlitz zu, schlug die Augen groß auf und sprach mit traurigem Blick: »Ja. Ihr durftet annehmen, ich liebe Euch. Denn es war die Wahrheit. Und ich konnte – Ja: mehr! Ich wollte es auch nicht – weiter verbergen.«
»Hei! Das gesteht Ihr also zu? Und doch, und doch, Verräterin, verraten und verlassen!«