Das Buschwerk aber bestand zum größten Teil aus wilden Rosen, die so schön, so starkstämmig, so zahlreich wie dort im sonnigen Mainthal wohl nirgend mehr gedeihen auf deutscher Erde.
Vielfach hatten zwar die Rosen schon abgeblüht: aber der überaus warme und doch feuchte Sommer hatte an vielen Büschen eine zweite Blüte hervorgelockt: und der honigduftende süße Hauch der Wildrose mischte sich hier mit dem feineren herberen der Rebe.
Und in den Rosenbüschen schlugen und schmetterten ihr feurig Lied ungezählte Nachtigallen! So laut, so lustheiß, so jauchzend in beglücktem Minnewerben! So stark, wie noch in keiner Nacht dieses Sommers! Es war, als ahnten die klugen Vögelein, die zwar an den Untergang der Welt nicht glaubten, daß sie nun bald verstummen mußten für ein Jahr: und als wollten sie noch einmal aus vollster Kraft den Wonnejubel der Liebe hinausschmettern in die blaue, die leise atmende Nacht! –
All das: das silberne Mondlicht – der laue Wind – der Reben- und Rosenduft – das heiße, brünstige Lied der Nachtigall – wirkte zusammen zu einer süßen, weichen lustvollen Berauschung der Sinne und der Seele. – –
II.
Der Zauber dieser Stunde befing wohl auch den einsamen Reiter, der aus dem äußersten flußabwärts vorgeschobenen Blockhaus der Pfahlbefestigung in raschem Trabe gegen die Stadt geritten kam.
Er hatte den Helm abgenommen und ließ die laue kosende Nachtluft, den schmeichlerischen Wind, der ihm entgegenkam, frei durch seine dunkeln Locken streichen. Er hielt nun das schwarze Roß an, sprang ab und führte es am Zügel: »Still, Orco, tritt sacht auf! Sie dürfen uns nicht kommen hören, die frommen Frauen, sonst …! – Ich hielt es nicht mehr aus! Ich mußte! Es riß mich fort so unwiderstehlich – wie dort der heiße Sang dem kleinen Vöglein aus der Seele bricht. Diese Nacht! Nie sah ich ihresgleichen! Du mußt – du mußt mein werden vor dem Ende. Magst du wollen oder nicht! Aber du wirst wollen: – wollen müssen! – denn du liebst mich! Wie lautete doch das Lied, das ich gestern auf diese Nacht, auf diese Stunde gedichtet?
Morgen um die zwölfte Stund',
Heia, geht die Welt zu Grund!
Doch nicht eh' bis Minnegard –
– Leib und Seel'! – mein eigen ward! –
Diese Nacht,
Wann Hut und Wacht
Liegt in Betgeheul und Jammer,
Dann erbrech ich deine Kammer:
Magst erglühen, magst erblassen, –
Eher nicht will ich dich lassen
Bis du mein!
Dann brich herein,
Ew'ge Pein!
Wirft von deinem roten Mund
Gott mich in der Hölle Schlund:
Du warst doch mein!
Aber der liebe Gott wird's selber einsehen, daß ich nicht anders konnte. Was hat er sie so schön geschaffen und mich so heiß? Und ich hätte ja ganz gern des Bischofs Segen dazu erbeten, wenn … Aber halt! Was ist das? Wer kommt da mir entgegen? Eine dunkle Gestalt – ein Weib – ganz allein – heute! in dieser Stunde! – Sie winkt mit der Hand. Bei Sankt Martin zu Tours! Wahrhaftig – sie ist's! sie selbst. – Minnegardis!« »Fulko!« schallte es zurück. Und er eilte ihr entgegen, das Tier nach sich ziehend. Hell trat der Mond aus Gewölk, da sie sich erreichten. »Geliebte! Du – hier?« rief er und faßte ihre beiden Hände. »Wen suchst du?« – »Dich!« – »Aber wie konntest du …?« – »Ich ahnte, du würdest, müßtest kommen in der letzten Stunde der Welt. Ach, ich wußte es!«