»Still, Kind! Laß mich horchen! Richtig. Das – es ist auch noch lange nicht Mitternacht! – Das ist nicht die Posaune der Erzengel: – das ist das Wächterhorn vom Brückenturm. Aber es bläst den Waffenschrei!«
Er machte sich los aus ihren Armen und lauschte.
»Horch! In der Runde antworten die andern Türmer. Es ist der Notruf: ›Feinde!‹ Und schau – dort – in der Ferne – unweit der Stadt – vor der Sandvorstadt – flammt Feuerschein auf. Das sind Mordbrenner, räuberische Bauern.«
»Wie? In dieser Nacht? Kurz vor dem Ende?«
»Gleichviel! Es scholl der Waffenschrei: Herr Heinrich ruft seine Ritter. Nicht vergeblich soll er Fulko rufen! Auf, mein süßes Lieb, du mein holdes Eigen: – rasch in den Sattel! So ist's recht! Halte dich an der Mähne! Hier bin ich schon hinter dir im Sattel. Noch einen Kuß! Und noch – und noch Einen – den letzten wohl! Und nun, renne mein Rößlein! Fulko und Minnegard darfst du tragen aus seliger Lust in seligen Tod.«
Pfeilschnell sauste das edle Tier durch die Wiesen gegen die Stadt dahin: es wieherte den schmetternden Trompeten feurig entgegen.
III.
Es waren noch etwa zwei Stunden vor Mitternacht.
Im Dome standen der Bischof und seine Geistlichen und so viele Gläubige, als der Raum zu fassen vermochte, Kopf an Kopf gedrängt, versammelt: auch in allen andern Kirchen und Kapellen hatte, nach Anordnung des Bischofs, nächtlicher Gottesdienst stattgefunden, ein paar Stunden nachdem die Vesperfeier vorüber war: auch sie waren sämtlich überfüllt.