Auch hier würde wohl die Vorstellung des Posaunentons des Weltgerichts – heute allen die nächstliegende – die Menge ergriffen und in dem dichten Gedränge Schrecken und Entsetzen verbreitet haben. –
Aber Herr Heinrich kam dem zuvor.
Sofort erkannte sein an solchen Ruf gewohntes Ohr die Eigenart dieses Grußes. Er ermaß auch blitzschnell die Gefahr, welche ein falscher Schreck über die vielen Hunderte, in engem Raum zusammengepferchten, höchst erregten Menschen bringen mußte.
So rief er denn mit seiner lauten Stimme, die gewohnt gewesen, mit dem Ruf des Befehls das Toben der Reiterschlacht zu überdröhnen: »Bleibt ruhig, ihr Gläubigen! Das ist nicht der Beginn des Gerichts! Ich habe befohlen, mit der Turmtrompete … Hört ihr? Es ist die Trompete vom Sandturm – jetzt auch vom Brückenturm! – zu melden, wann sich das Raubgesindel gegen die Stadt heranzieht. Es sind Brandräuber!«
Da brach sich durch die Menge vor den Stufen ein ganz Gewaffneter Bahn – er schob die Bürger, die Frauen, links und rechts kräftig zur Seite – schon hatte er den Altar erreicht. »Auf, Herr Bischof! Hier Euer Schwert. Nehmt! Eure Sturmhaube! Euer Roß steht draußen gesattelt. Feinde vor der Stadt! Es brennen schon mehrere Höfe mainaufwärts. Kommt und helft!« Es war Blandinus, voll glühenden Eifers: Nie war sein schön Gesicht so schön gewesen, wie es jetzt unter der Sturmhaube hervorglänzte. »Helft! Rettet! Herr Bischof!« riefen die Bürger. »Was sollen wir thun?« »Hierbleiben! Beten!« schrieen die Weiber.
Aber Herr Heinrich richtete sich auf zu seiner vollen Höhe, riß das Schwert aus der ihm dargereichten Scheide, warf diese weg, und, hoch die Klinge schwingend, rief er: »Fechten sollt ihr! Nicht beten! Eure Stadt, Sankt Burchhards Weihtum, schirmen! Fallt ihr so, so fallt ihr schön und büßet manche Sünde. Wie können wir besser unsre letzte Stunde verleben, als im Kampfe für Sankt Kilians Heiligtum? Folgt, ihr Bürger Würzburgs, folgt euerm Bischof! Hinaus vors Thor und wehe den Kirchenräubern! Sankt Kilian und Sankt Burchhard ziehn euch voran!«
Und er stürmte die Stufen des Altars hinab der Domthüre zu.
»Sankt Kilian und Sankt Burchhard! Steht uns bei!« riefen die Krieger und folgten ihm.