Hernals … Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem die Schalanthers wachsen.

Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben, ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein, den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken, zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.

Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon, daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus, Ausstattung und Eleganz.

Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei, vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen, der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert, erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen. Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte, die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten, Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner … da lernt ma si kehner …«

Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war, ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei, die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten, daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie manche Leute glauben oder glauben machen wollen.


BEIM BRADY

Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung. In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten, sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände, dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen. Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete, sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht, daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint. Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte. Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht, ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört, dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika, einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause. Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt. Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß nicht warum.