In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim Anziehen noch eigens eingeschärft.«

Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und animiert … Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant … den Kotillon tanzten etliche fünfzig Paare …« Jenen beispiellosen Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen …« (wurden in Mailand gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt – dann wehe Mailand!«

Als er dann – 1857 – die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält, sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der geplatzten Bombe …« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«.

Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut … aber ich werde es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen …« Der auf ein und derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt, ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet.

Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und zu beweisen.

Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut, Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz des Ruhms schimmert in dieser Melodie.

Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man noch ein Herz darin schlagen.


THRONREDE