Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt. Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben, das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten. Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise, sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht. Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen. Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel, der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf dem inneren Burghof ins Gewehr.
Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck, den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen, gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende, unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie ihre psychologische Weisheit.
FRÜHJAHRSPARADE
Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern, aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.
Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum … in der Ferne hört man das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten, und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments. Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen, dunkelblauen Wellen.
Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.
Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht. In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind, etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen dampfenden Wagenpferde.