Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen. Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren Aggressivität.

Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das Wetter … gar nichts.

Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus. Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa …« Das Hurrarufen stürmender Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder, prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern. Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber: »Gott erhalte …« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter, immer entfernter, Generalmarsch … Trommeln, dann feierlich die Volkshymne … zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser reitet ins Hauptquartier zurück.

Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende, sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden ist, seit einer Stunde …

Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei. Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.


ELISABETH

Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet, aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht, ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt einer Legende gleicht.