Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger Mensch nach und nach gelernt habe, die Augen aufzumachen … Ich bin zwar in ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich doch, was es für schöne Dinge gibt in der Welt. An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz still ist, da habe ich stundenlang herumgehen können und mir die alten Palais anschauen; die Portale, und der Blick, der sich in die weiten Höfe erschließt, und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf. Dann die engen Gassen, so um die alte Universität herum. Und wie lang bin ich immer auf dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. An frühen Winterabenden zum Beispiel, wenn der Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich den ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten schimmern, und wenn hier alles so abseits, so wie in einer anderen Welt ist. Oder an Nachmittagen im Hochsommer, wenn man weiß, der Kaiser ist nicht da, und alles, was sich regt, ist nur Dienerschaft. Wenn dieser Platz mit der Wache und den Gendarmen und den verhängten Fenstern so was Träges und Schläfriges hat. Und dann die Sommerabende draußen auf dem äußeren Burgplatz, wenn der Himmel so schön weit ist, und wenn in der Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. Wieviel habe ich sehen gelernt, seit ich ein junger Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren gegangen bin; und wieviel könnte ich sagen. Aber ich möchte nur bemerken, daß in diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. Der Burgplatz zum Beispiel, der Graben, der Kohlmarkt, … da habe ich nach und nach einen Sinn für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine Neigung zu besseren Lebensformen und eine gewisse Empfindlichkeit gegen das Ordinäre und gegen das Geschmacklose.

Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die ich täglich sah, einen gewissen Zwang auf mich ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt, unordentlich oder aufdringlich angezogen unter ihnen zu erscheinen. Wenn ich mein Bureau verlassen und gespeist hatte, dann lief ich in die Stadt, um das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch will eben sein Vergnügen haben. Und mir war es ein Vergnügen, mir ist es heute noch eines. Meine Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und mehr geweckt. Und ich brauchte nur spazieren zu gehen, um diesen Luxus zu genießen. Nehmen wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder viermal in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, daß es sehr schön ist, wie leicht solch ein Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben, wie das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. Ich brauche das nur anzuschauen, und genieße die Annehmlichkeit, die in einem so famosen Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch aufmerksam an, es unterhält mich jedesmal. Nehmen wir die Burg und die Oper. Ich kann es an meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. Aber unzählige Male bin ich nach der Vorstellung im Opernvestibül gestanden und habe mir die vornehme Welt angeschaut, und bin wie nach einer glänzenden Unterhaltung heimgegangen, wenn ich dieses prachtvolle Gedränge schöner Frauen und eleganter Herren die majestätische Logentreppe herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen Lakaien. Im Sommer, wenn man keine Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die Treppenhäuser angesehen, bin im großen Foyer herumspaziert, mitten unter dem Menschenschwarm. Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, stürzten die Leute wieder in den Zuschauerraum. Ich aber entfernte mich und hatte wieder einen Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren, wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, mit einem Wort, wäre ich reich gewesen, wer weiß, ob sich nicht alles für mich mit der Zeit abgestumpft hätte. So aber habe ich immer nur den besten Schaum von den Dingen gekostet, habe mir alle Genüsse in meiner Phantasie noch herrlicher ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, und so hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz verloren.

Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt herumgelaufen und habe geglaubt, es müsse mir etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, das mit schönen Frauen, mit Pracht und Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige Erwarten hat sich mit der Zeit nun freilich stark gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig Jahre alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere Stadt promeniere, wenn ich durch das Rauschen der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne Frauengesichter an mir vorübergleiten, dann ist mir, als sei noch manche verborgene Möglichkeit irgendwo vorhanden, und als könne doch noch etwas Merkwürdiges und Festliches geschehen. Das ist gewiß töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht so schnell dabei, und man fühlt sich dann so angeregt und so zufrieden.

Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles für mich vorüber ist. Ich bin ein armer Teufel. Das weiß ich auch. Und ich habe nichts erreicht. Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, so zufrieden zu sein. Manche Leute werden finden, ich hätte meine Jahre besser anwenden, hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere Strebsamkeit ungleich weiter bringen können. Und ich muß ihnen recht geben. Ich muß es um so mehr, als ich zu alledem noch weiß, daß es mir nicht an guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, wo es doch schon zu spät ist. Ich hätte etwas werden können in der Welt. Etwas Großes vielleicht. Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. Aber ich muß sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich bin. Vielleicht wäre ich als armer Teufel in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und sehr unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, denn ich kenne die Verhältnisse anderswo nicht, und weiß nicht, ob ich mich anderswo wegen meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich mich niemals ausgeschlossen gefühlt, sondern habe immer die Empfindung, mindestens aber die Illusion gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit und an aller Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen zu dürfen. Vielleicht hätte ich anderswo nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, wenn ich des Abends von meinen Spaziergängen heimwärts wanderte, von allen meinen Eindrücken ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz wunderbar beschwichtigt war. Wenn mir manchmal der Trieb kam, etwas Besonderes zu leisten, etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, als sei ja schon längst alles unternommen und geleistet und erreicht, und es bliebe jetzt nichts mehr zu tun übrig, als das Vorhandene wie einen köstlichen Besitz zu verstehen und zu genießen. Das mag ein verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde ich mich jetzt nicht mehr damit befassen, ihn richtigzustellen. Ich habe schließlich genug erlebt, habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle und Fülle, ich habe mein sicheres Auskommen und meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch den Frühling und diese fröhlichen Tage voll Sonne und Blumenduft. Bald wird man auch im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind ja schon die Kaffeehütteln hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es ist. Was liegt denn dran?


KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY

Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, mit einem netten Turm, der sich stramm davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner Kindheit; und seit ich als Bub auf der Türkenschanze umherlief, die damals freilich noch hinter jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen den fröhlich dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, der an milden Frühlingsabenden aus der Pforte unter dem Turm herauskam und über die Wiesen zum Heinrichshügel spazierte; immer munter, und immer von schönen, exotischen Frauen gesprächig umgeben.

Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte Abendsitz inmitten wogender Kornfelder, ist lange verschwunden. Die Felder und Wiesen sind ja alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert nicht mehr. Es sind, wie gesagt, über zwanzig Jahre her. Aber der weißbärtige alte Herr blickt immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, und immer noch von schönen exotischen Frauen gesprächig umgeben. Und sein kleines, rotes Kottagehaus, mit dem netten Turm, der sich stramm davor aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste Ort in Wien geworden. Jedenfalls etwas einziges in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern überall. Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser Meinung sein, denn aus sämtlichen Weltgegenden kommen sie hierher. Wie man sagt: ein Brennpunkt. Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was in diesem Hause geschieht, dann hört es sich wie gar nichts an: Hier werden Klavierstunden gegeben. Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu oft besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem Geräusch verbunden ist und nicht gerade als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller Klaviermusikanten, hier ist das Rom und der Vatikan aller Pianogläubigen, hier werden die höchsten Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, hier segnet, und flucht zuweilen auch, der unfehlbare, alleinseligmachende Klavierpapst.