Unser Kaufmann war ein intelligenter Kopf, und so ging er den Ursachen dieser eigentümlichen Geringschätzung nach. Er konnte sie aber nicht entdecken, sondern vermochte nur festzustellen, daß diese Geringschätzung sich nahezu auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte. Im Parlament fand er zwar Landräte, Journalisten, Pfarrer, Handwerker, Agrarier, aber kein Dutzend Kaufleute. In der Diplomatie und den Staatsstellungen traf er fast ausschließlich Juristen an, Angehörige einer bestimmten Kaste, zumeist feudale Protektionskinder. Das war sonderbar. Doppelt sonderbar für einen Mann, der von England her das Gegenteil gewöhnt war. Also machte er sich auf den Weg zum Ministerium, denn er hoffte, dort des Rätsels Lösung zu erfahren. Nachdem er zehn Stunden gewartet hatte, ließ ihn der Finanzminister vor.

„Exzellenz,“ begann er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: wie kommt es, daß der Stand, der die meisten Steuern zahlt, der fast allein die Zölle aufbringt, vom Staate in jeder Beziehung so stiefmütterlich behandelt wird?“

Der Finanzminister sah den Klagesteller mißtrauisch an. Sowas war ihm noch nicht vorgekommen. Dann lehnte er sich zurück und sagte: „Warum man diesen Stand so schlecht behandelt? Sehr einfach: weil es der Kaufmannsstand ist!

Das Wort „Kaufmann“ sprach er mit einer Betonung aus, wie etwa ein Kind „Lebertran“ sagt.

„Uebrigens,“ fuhr der Finanzminister fort, „nebenan wohnt der Kultusminister, vielleicht weiß der näheres!“

Also ging unser Kaufmann zum Kultusminister.

„Exzellenz,“ sagte er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: wie kommt es, daß der Stand, der am meisten deutsche Kultur, deutsche Sprache und deutsche Sitten über den Erdball trägt, vom Staate in jeder Beziehung so stiefmütterlich behandelt wird?“

Der Kultusminister sah den Fragesteller mißtrauisch an. Dann sagte er: „Sehr einfach, Verehrtester! Weil es der Kaufmannsstand ist!

... Weil es der Kaufmannsstand ist! Dieselbe Antwort erhielt er, als er beim Handelsminister frug, warum der Staat Börsengesetze mache, ohne die Börse zu befragen; als er beim Justizminister frug, warum der jüngste Assessor mehr Macht und Ansehen genieße, als der kenntnisreichste Prokurist? Zuletzt ging er zu einem Hofmarschall.

„Exzellenz,“ sagte er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: Wenn unser Vaterland heute so groß und geachtet dasteht, so verdankt es das mit in erster Linie seinem Handel und seiner Industrie. Wie kommt es nun, daß wir unter allen unseren Ministern und Diplomaten nur einen Kaufmann haben? Daß der Kaufmann als quantité négligeable behandelt wird? Daß das vielseitige Wissen, die praktische Erfahrung unserer Kaufmannschaft fast gar nicht dem Staate nutzbar gemacht wird?“