Stiergefechte werden auf Luzon zwar auch gegeben, doch dienen diese nur zur Belustigung der Spanier Manila’s, die Tagalen haben bisher diese nationale Sitte ihrer weissen Herren nicht acceptirt. Dagegen hat sich das Billardspiel bei ihnen eingebürgert, das Billard der Tagalen besteht oft nur aus „Pandanusmatten mit Banden von fünf Rotan, spanischen Röhrchen” (Hügel 148), der Tisch ruht oft auf steinernen Pfeilern. Gewöhnlich treten an Stelle der elfenbeinernen Kugeln solche aus hartem Holze (Ilustr. 1860, n. 10, p. 109). Auf diesen Billards wird Carambol, Einunddreissig und Kegelpartie (mit neun Kegeln) gespielt (l. c.). Auch Karten spielen sie mit grosser Leidenschaftlichkeit, besonders „Einunddreissig”, doch dürfen sie nur zu gewissen gesetzlich bestimmten Stunden spielen (Scheidnagel 58), diess ist um so nothwendiger, als sie sonst ganze Nächte hindurch dem Hasard fröhnen würden, wie es denn nicht selten geschehen ist, dass Cabezas de barangay (Viertelmeister) den ganzen Tribut (Kopfsteuer) ihres Viertels im Kartenspiele verloren haben (Mas, pobl. 71). Unglückliche Spieler liefern ein nicht unerhebliches Contingent zu den Remontados.
Sie kennen auch andere harmlosere Spiele, selbst solche, welche unseren Pfänderspielen gleichen (Mas, pobl. 71). Von den Chinesen haben sie es gelernt, Papierdrachen ohne Schweif in die Höhe steigen zu lassen, ein Vergnügen, das sich bei ihnen nicht allein auf die Kinder beschränkt (Scheidnagel 101).
Bei ihren Kirchenfesten fehlt das Pala-pala selten: Auf einem Gerüste, welches dem Traubengelände des europäischen Südens gleicht, wird Laub aufgehäuft, dann buntfarbige Lampions darin aufgehängt, in deren Nähe ganze Büschel von frischen oder getrockneten Früchten, Bäckereien und Zuckerwerk aufgehängt werden. Ist es Abend geworden, so werden die Lampions angezündet und auf ein gegebenes Zeichen stürzen die Festtheilnehmer in die Pala-pala-Lauben, um sich die Leckereien gegenseitig abzujagen. Manchmal ist das Pala-pala nur für Kinder hergerichtet, dem entsprechend ist das Gerüste dann sehr niedrig (Ilustr. 1860, n. 12, p. 143).
Grosse Vorliebe hegen die Tagalen für das Theater. Man darf nicht vergessen, dass sie ein eigenes Alphabet besassen, von welchem in Mas (Informe), wie auch in der englischen Übersetzung des Morga Proben gegeben sind. Diese Vorliebe für dramatische Spiele wurde bei der Christianisirung der Tagalen von den Mönchen nicht angetastet, im Gegentheile, letztere übten mit ihren Pfarrkindern Schauspiele in spanischer wie tagalischer Sprache ein (Morga-Stanley 320). Es giebt ein ständiges tagalisches Theater und zwar in Tondo, das sogenannte „Teatro de Tondo” (Scheidnagel 19), doch die eigentlichen nationalen, freilich schon christlich gefärbten Theatervorstellungen der Tagalen muss man auf dem platten Lande suchen, wo dieselben bei Gelegenheit von Kirchenfesten unter freiem Himmel gegeben werden. Die Dramen haben die Kämpfe zwischen Christen und mohammedanischen Piraten—„Moros” der Spanier—zum Gegenstande. Die Vorstellungen sind endlos, indem sie sich oft 3 Tage und Nächte hindurchziehen, auf der Bühne treten oft Hunderte von Personen auf, wobei zu bemerken ist, dass die Darsteller keine professionsmässigen Schauspieler, sondern schlichte Landleute sind. Die Darstellung eines Gefechts nimmt mindestens eine Stunde in Anspruch und die Kämpfenden gerathen mitunter in eine solche Wuth, dass es zu wirklichem Blutvergiessen kommt. Das oft aus 2000 Familien bestehende Publicum nimmt an diesen Gefechtsscenen den lebhaftesten Antheil, besonders an dem Schicksale der Christen, von allen Seiten erschallen lebhafte Verwünschungen und Flüche gegen die Darsteller der Moros &c. Da diese tagelangen Vorstellungen ohne Unterbrechung fortdauern und das Publicum sich nicht eher entfernt, als bis das Drama mit dem Siege der Christen endet, so nehmen die Zuschauer Lebensmittel mit, wer schläfrig wird, schläft ungenirt auf seinem Sitze ein. Bei Nacht werden Fackeln angezündet (Cañamaque, Recu. I, 60 u. f.).
Mitunter werden in den Landstädten von Spaniern Versuche gemacht, spanische Theaterstücke von Tagalen aufführen zu lassen, doch misslingen sie in der Regel, indem die Tagalen in dem fremden Stoffe und der fremden Ideenwelt sich nicht auskennen und sich daher sehr linkisch benehmen (Jagor, Phil. 84).
Auch die lyrische Poesie wird von den Tagalen gepflegt, es sind meist Liebeslieder, welche in Begleitung von Musikinstrumenten gesungen werden. In einem Liebeslied aus Tayabas heisst es: „Wenn mir mein Bräutchen sterben sollte, ich würde mich über ihren Grabhügel werfen, damit nicht ihre Gebeine Kälte leiden” (Oriente 1878, n. 11, p. 20 nach D. Juan Alvarez Guerra). Bei Festgelagen treten Improvisatoren auf, welche bei Begleitung eines Blasinstrumentes vierzeilige Lieder singen (Cañamaque, Recuerdos I, 39).
Am beliebtesten sind zwölfsilbige Verse, die vierzeiligen Strophen haben alle denselben Reim, wobei zu beachten ist, dass bei den Tagalen der Reim lediglich aus dem letzten Buchstaben oder Laute des Verses besteht (Mas, pobl. 115), diess gilt auch, wenn sie in spanischer Sprache dichten, so sind z. B. die Worte: estrellas, cielos, veces, nubes bei ihnen Reime, weil sie mit einem s endigen. Jedes lyrische Gedicht muss von Musik begleitet werden (Mas, pobl. 116). Von ihren Nationalmelodien—wenn ich mich so ausdrücken darf—ist die bekannteste und beliebteste der Comintan, der zugleich ihre Nationalhymne und ihr Nationaltanz ist. Der Comintan ist im 3/4 oder 6/8 Tact gesetzt (Hügel, 307), seine Weise wird ebenso beim Begräbniss von Kindern gesungen, wie bei festlichen Gelegenheiten nach derselben getanzt wird (l. c. 145). Wird der Comintan getanzt, so tritt nur ein Paar auf, welches pantomimisch eine Liebeserklärung darstellt „von dem Ausdrucke des einfachen Wohlgefallens bis zu der heftigsten Leidenschaft” (Hügel, 307). Eine andere Art des Comintans besteht darin, dass die tanzenden Personen körperliche Gebrechen nachahmen (l. c.). Ein anderer Nationaltanz ist der Talindao, er „wird zu vier Personen getanzt, die sich einzeln gegenüberstehen, meistens ihren Platz nicht verlassen und nur mit wenigen Bewegungen tanzen. Die Musik ist höchst romantisch, ernst, und von Zeit zu Zeit fallen alle vier Personen mit rauschendem Castagnettenschlage ein” (l. c.). Baron Hügel sah bei einem Kirchenfeste im Orte Pasig einen Tanz, der nicht wie die beiden erwähnten bereits spanische Einflüsse offenbart, sondern noch ein Überbleibsel aus den Zeiten vor der Conquista zu sein scheint. Die Tänzer waren Tagalen, welche in der Tracht und Bewaffnung, wie sie vor Ankunft der Spanier üblich war, einhergingen. Sie tanzten unter grosser Bravour und Leidenschaftlichkeit eine Art Waffentanz (Hügel, 186). Übrigens tanzen die Tagalen auch alle europäischen und specifisch-spanischen Tänze als Walzer, Polka, Bolero &c. Die Weiber tanzen mit den Chinelas (Pantoffeln) an den Füssen.
Sie sind grosse Freunde der Musik, fast jedes Dorf hat seine Musikbande (Cañamaque, Recu. I, 50). Europäische Musikstücke spielen sie recht brav, insbesondere Märsche (l. c. 35), und die Militärmusikcapellen Manila’s, deren Musikanten sämmtlich Tagalen sind, werden von allen europäischen Besuchern belobt.
In früheren Zeiten schrieben die Tagalen sämmtliche Krankheiten dem Einflusse bösgesinnter Nonos zu, weshalb sie in Krankheitsfällen denselben, unter den von ihnen bewohnten Bäumen, Opfer darbrachten, welche im Verbrennen einzelner Kräuter und Deponirung von Speisen, Getränken, Tabaksblättern und Buyo bestanden (Mozo, a. v. St.). Auch glaubten sie früher, dass mannigfache Krankheiten und Irrsinn durch Dämone erzeugt werden (Mas, pobl. 92). Heutzutage ist der Glaube so ziemlich verschwunden, dagegen blühen Kurpfuscherei und Wunderkuren. Tagalische Kurpfuscher und Quacksalber giebt es in jedem Orte. Werden diese zu einem Kranken gerufen, so lassen sie sich vorerst von den Angehörigen desselben gehörig bewirthen und mit Tabak beschenken, dann befühlen sie erst dem Patienten den Puls und verordnen, wie es ihnen gerade einfällt, Umschläge, Aderlässe, Hausmittel und Schröpfköpfe (Ilustr. 1859, p. 121). Schröpfen ist sehr beliebt, da die heutigen Tagalen der Ansicht huldigen, dass die Krankheiten dadurch rasch geheilt würden, wenn die böse verdorbene Luft aus dem Innern des Patienten entfernt werde (Mas, pobl. 88). Unter ihren Hausmitteln ist auch eine Epheu-Gattung („Malacatmon”) zu erwähnen, auch Vanille und die Cardamome werden gern von jenen Volksärzten verwendet (Ilustr. 1860, n. 7, p. 80).
Sobald der Tagale die Sterbestunde herannahen fühlt, wird eiligst zu dem Pfarrer geschickt oder, wenn dieser weit entfernt lebt, der Sterbende hingetragen, um die Sterbesacramente zu empfangen, da sonst ein ehrliches Begräbniss verweigert wird (Mas, pobl. 101). Stirbt ein Kind, so wird es unter grosser Lustbarkeit und den Weisen des Comintans zu Grabe getragen (Hügel, 145), hier haben also die Tagalen die spanisch-christliche Anschauung vollständig adoptirt, nach welcher man über den Tod eines unschuldigen Kindes sich nur freuen müsse, da seine Seele doch sofort unter die Englein aufgenommen würde. Bei den Todtenfesten zu Ehren erwachsener Verstorbenen überwiegen aber vollständig die Bräuche und Sitten des früheren Heidenthums. Sobald ein Erwachsener gestorben ist, wird die ganze Verwandtschaft desselben in das Sterbehaus eingeladen, angeblich, um Rosenkränze zu beten, kaum aber sind einige Gebete heruntergeschnarrt, so wird gegessen, getrunken und getanzt und diess durch volle neun Tage (Mas, pobl. 85, Ilustr. 1859, n. 7, p. 55). Dieses neuntägige Fest, welches mitunter zur Orgie ausartet (Vila 10), heisst Siam-na-arao oder Tibao. Am wichtigsten ist der dritte Tag dieses Festes, denn die Tagalen glauben, dass die Seele des Verstorbenen an diesem Tage wieder in das Sterbehaus zurückkehre, um an dem Festmahl Theil zu nehmen. Es werden deshalb Kerzen angezündet und eine mit Asche bestreute Matte ausgebreitet, letzteres geschieht, um an den allenfallsigen Fussabdrücken in der Asche zu erkennen, ob die Seele des Verschiedenen wirklich erschienen wäre oder nicht Vor die Thüre der Hütte wird Wasser in einem Gefäss hingestellt, damit die heimkehrende Seele sich die Füsse waschen könnte (Mas, pobl. 91). Um diesen „Aberglauben” zu unterdrücken, suchen die Pfarrer auf alle Weise es zu verhindern, dass die Hütte eines Verstorbenen den dritten Tag nach seinem Tode von irgend Jemand besucht wird. Die Bestattung ist ganz und gar katholisch, jede nationale Sitte hat hier der Macht der Kirche weichen müssen. Die Tagalen sterben übrigens mit grosser Resignation, und zwar sowohl in der friedlichen Hütte, wie draussen auf dem Schlachtfeld.