7. Igorroten mit Buriks und Busaos (Igorrotes).
Mit dem Namen „Igorrotes” wird viel Unfug getrieben. Spanische Schriftsteller haben alle heidnischen sogenannten „wilden” Bergstämme Luzons Igorrotes getauft, und so kamen auch unter anderen „Igorroten von Camarínes”, „Igorroten von Tayabas” in die ethnographische Literatur. Andere Autoren, wie z. B. der gelehrte D. Sinibaldo de Mas, bezeichneten mit diesem Namen alle Bergstämme Nord-Luzons, mit Ausnahme der Tinguianen, was immerhin eine gewisse Berechtigung hätte. Ich fasse unter dieser Bezeichnung die Igorroten im engeren Sinne und die Busaos und Buriks zusammen, denn diese haben eine gemeinsame Sprache, welche nur geringe dialektische Verschiedenheiten aufzuweisen hat (mündliche Mittheilung von Herrn Gumersindo Morales). Auch unterscheiden sich diese Stämme nur durch Tracht und Tätowirung voneinander, während Sitten und Bräuche nur unerheblich voneinander abweichen.
Die Heimath der Igorroten bilden die Provinzen oder Districte: Benguet, Lepanto, Tíagan und Bontoc. Nach Scheidnagel (a. v. St.) finden sich auch Igorroten-Niederlassungen in den Provinzen Abra, Nueva Vizcaya und Isabela vor, doch ist es fraglich, ob Scheidnagel nicht hier den Namen der Igorroten in der oben angegebenen Weise missbraucht. Die Busaos haben die nördlichsten Sitze inne. Von der Cordillere Tila oder Tovalina an wohnen sie in den Districten Tiagan, Lepanto (nördliche Hälfte) und in Bontoc, in letzterem im Quellgebiete des Rio Caycayan. Nach der Ilustracion del Oriente (Jgg. 1818, Nr. 1, p. 4) sind sie auch in Benguet wohnhaft, was mir unwahrscheinlich vorkommt, da sie von diesem Districte durch die Buriks getrennt sind. Zu Grenznachbarn haben sie im Norden die Tinguianen und Guinanen, im Osten die Itetapanen und vielleicht auch die Suflin; südlich von ihnen wohnen die Buriks, im Osten von Santa Cruz und im Westen des Monte Data. Ihre wichtigeren Orte sind: Suyuc, Cayan, Sabangan, Cabugatan, Banao und Mancayan (Yamcayan).
Südlich von den Buriks wohnen die eigentlichen Igorroten, deren Stammland das Thal von Benguet ist, obwohl sie jetzt in diesem Thale nur in verhältnissmässig geringer Zahl wohnen, indem die blutigen Kriege, welche in den zwanziger und dreissiger Jahren dieses Säculums zur Unterwerfung dieses kriegerischen Stammes führten, das blühende Land beinahe entvölkerten. Ihre wichtigeren Orte sind Benguet, Apayao, Cabacan (Cabagan), Buguias (Bujias) &c. v. Drasche (Fragm. einer Geologie, p. 27) traf Igorroten zwischen S. Nicolas am Rio Agno und Bambang (Provinz Nueva Vizcaya), bis zum Caraballo Sur. Auch hier muss ihre Zahl erheblich sich vermindert haben, denn gegen die geringe Zahl der Individuen stach die Menge der verlassenen und verfallenen Hütten ab. Einst war das von den Igorroten bewohnte Territorium grösser, im XVII. Jahrhundert wird noch der Berg von Sto. Tomas als in der „Tierra de Ygolotes”[7] liegend mehrfach erwähnt, und noch 1747 reichte das Gebiet der Igorroten bis zum Weichbilde der Pueblos Agoo und Aringay (Mozo 81). 1829 war die Grenze bis zum Monte Tongló (beim Monte Sto. Tomas) zurückgewichen (Mas, pobl. 46). In den Districten Lepanto und Bontoc zählte man 1876 19 852 unterworfene und 29 600 unabhängige Igorroten incl. Buriks und Busaos, während Diaz Arenas für das Jahr 1848 die Zahl 12 304 für die damaligen Provinzen Pangasinán („in der Cordillera grande”), Abra und Ilócos Sur angiebt.
Ihre Hautfarbe ist ein „nicht sehr dunkles Olivenbraun, seltener das Gelb der Mestizen” (Semper, Erdk. XIII, 90) oder gelblich kupferfarben (Ilustr. 1860, n. 12, p. 151). Nach Buzeta und Bravo (Diccionario I, 52) zeigt ihre Haut die Farbe gekochter Quitten. Ihr Körperbau ist kräftig, die Muskulatur gut entwickelt (Ilustracion, l. c., Semper, l. c.). Die Durchschnittshöhe der Männer beträgt nach Semper (Erdk. XIII, 89) 4′ 8″ 2‴, bei Weibern 4′ 5″ 4‴ Pariser Maass.
Professor Virchow nennt einen Igorrotenschädel „ausgezeichnet dolichocephal”, „von den Malaienschädeln ganz verschieden” und bemerkt weiter, „er nähere sich mehr den Formen von Palembang”. Nach Professor Semper ist auch das Gesicht länglicher und die Stirne mehr gebogen und zurücktretend als bei den Tagalen (Erdk., XIII, 90). Die Augen sind schwarz und gross, der äussere Augenwinkel ist spitz und etwas schräg nach oben gestellt (Semper, l. c.; Buzeta y Bravo I, 52; Ilustracion 1860, n. 12, p. 151). Die Wangen sind gross und breit (Buzeta, l. c.). Das dichte Haar ist schwarz, glatt und ohne Glanz (Semper, Erdk., XIII, 91; Mas, pobl. 24). Erwähnenswerth ist, dass nach Lillo Gracia (p. 17) es auch reinblütige Leute giebt, die einen ebenso dichten Bart haben wie Europäer, doch lassen sich nur einzelne Berg-Igorroten von Lepanto den Bart stehen, die überwiegende Mehrzahl zieht sich die Haare am Kinne, der Brust, den Achselhöhlen und Schamtheilen mit einer kupfernen Zange aus (Semper, Erdk. XIII, 91).
Allgemein wird behauptet, dass die Igorroten stark mit chinesischem Blute gemengt seien, ja es wird sogar von Mischung mit Japanern gesprochen (Novara-Reise, Ethnogr. Th., p. 32; Semper, Erdk. XIII, 89). Semper sagt: „Jemehr man sich nördlich wendet, um so schärfer tritt der mongolische Charakter hervor”. Nach ihm (Erdk., l. c.) zeigen die grossen Individuen chinesischen, die kleinen malaiischen Typus. An einer anderen Stelle (l. c., S. 91) bemerkt er: „Die Weiber nähern sich im Allgemeinen mehr dem malaiischen Typus”. Mozo bemerkt hierüber: „aparecen muy semejantes á los Chinos ..... especialmente en los ojos, en que no los quitan pinta” (Misiones, p. 63). Mas (pobl. 24) findet es auffallend, dass in ihrer Sprache der spanische Laut ch, entsprechend dem deutschen tsch, vorkommt, den angeblich die Dialekte der übrigen Malaienstämme nicht kennen. Lillo Gracia sagt von ihrer Sprache, sie sei einem corrumpirten Ilocanisch ähnlich, besitze aber eine eigenthümliche nasale Accentuirung, die an das Chinesische erinnere. Eine Vermengung mit Chinesen lässt sich nicht gut nachweisen, sie müsste jedenfalls vor der Einwanderung der Ilocanen erfolgt sein, so lange die Igorroten noch im Besitze der Küste waren, denn sonst müssten die Ilocanen auch einen chinesischen Typus aufweisen, da die Chinesen wohl mehr Berührungspunkte zu einem intimen Verkehre mit diesen vorfanden, als mit den tieferstehenden Igorroten. Jedenfalls heisst es in dieser Frage nicht voreilig sein, sondern specielle Untersuchungen über diesen Gegenstand abwarten.
Das Haar tragen Männer und Weiber „vorn geradlinig über der Stirn und zu beiden Seiten des Gesichts abgeschnitten, so dass es fast die ganze Stirn bis zur Nasenwurzel, sowie die Ohren bedeckt”; am Hinterkopf lassen sie es oft lang wachsen und binden es in einen Knoten zusammen (Semper, Erdk. XIII, 91). Doch wechselt die Haartracht bei den einzelnen Stämmen (Lillo 30). Die Igorroten im engeren Sinne des Wortes tätowiren ihren Körper an Händen, Armen und der Brust (Lillo 31), doch beschränkt sich diese Sitte in den meisten Dörfern nur auf ein rohes Sonnenbild, welches auf die Handrückenfläche gemalt wird (Semper, Erdk. XIII, 90), insbesondere die Weiber dehnen die Tätowirung zumeist auf keinen anderen Körpertheil aus (Lillo, l. c.). Die Tätowirungsmuster auf Brust und Armen sind Combinationen gerader und krummer Linien, seltener findet man bildliche Darstellungen von Menschen und Thieren (Semper, l. c.). Die Tätowirungsmuster haben eine schmutzig-blaue Farbe und werden der Haut durch Nadelstiche beigebracht, die Nadel selbst ist in eine Farbmasse getaucht, welche aus Öl und einem Pulver, das durch Verbrennung blauer Baumwollenstoffe gewonnen wurde, zusammengesetzt ist (Lillo 31). Die Busaos-Igorroten tätowiren sich Blumengebilde auf die Arme (Mas, pobl. 25; Ilustracion, 1860, 152 und 285; Bastian, Reisen V. 273; Ilustr. del Oriente, 1878, Nr. 1, p. 4), andere Körpertheile werden nicht tätowirt. Die Buriks-Igorroten tätowiren sich den Körper in einer Weise, dass er wie mit einem Panzerhemde bedeckt erscheint, während die Arme mit schlangenartigen Mustern versehen werden (Mas, pobl. 25). Bemerkenswerth ist die Sitte, dass bei Vornehmen die Zähne mit einem breiten Goldblech bedeckt werden (Semper, Erdk. XIII, 90). Denselben Brauch fanden die Spanier bei der Eroberung des Archipels bei Tagalen und Visayern vor.
Den schmutzigen Körper und die nie gekämmten Haare verhüllen verschiedenartige Tracht und Gewandung. Bei der Feldarbeit wird von den Männern nur der Bajaque oder Baac—eine Art Schurz—getragen (Lillo 31). Der Bajaque besteht aus Baumwollenzeug oder Baumrinde (Mas, pobl. 23). Sonst wird noch ein Mantel getragen, „aus Baumwollenzeug verfertigt und ilocanischer Provenienz”, da dieser „Mantel” viereckig ist, könnte er wohl besser Plaid genannt werden. Der Plaid ist lang genug, dass er doppelt um den Leib herumgeschlagen werden kann, er ist blau und weiss gestreift oder schwarz; wenn ganz von weisser Farbe, gilt er als Trauergewand (Mas, pobl. 23). Diese anscheinende Anlehnung an chinesischen Brauch liefert aber kein neues Beweismaterial für die Chinesen-Abstammungs-Hypothese, denn die Spanier fanden in den Zeiten der Conquista Weiss als Trauerfarbe im ganzen Archipel, und noch heute ist es so auf den Sulú-Inseln.