Auf der Insel Palawan (Paragua der Spanier) und der Gruppe der Calamianes leben nach Waitz, V, 57, Negritos, desgleichen nach S. 55 desselben Werkes im Innern der Hauptinsel von Sulu. Bezüglich letzterer ist es nur auffallend, dass weder ältere (Combez) noch moderne (Pazos) spanische Autoren hierüber etwas melden. Man könnte diese Negritos von Sulu und Palawan mit den Idaanes oder Idanes identificiren, welche (Waitz, V, 46) auf der Ostküste von Palawan (d. h. wo auch die Negritos wohnen sollen) und im Innern von Sulu wohnen. Zwar heisst es, dass nur die Heiden (also im Gegensatze zu den Moslim) so genannt würden, aber auffallend ist immerhin einerseits die Nachricht, dass der Name Idan eine Collectivbezeichnung sei, indem die Idan verschiedene Sprachen sprächen, andererseits die Ähnlichkeit von „Idan” mit den Bezeichnungen „Etas”, „Itas”, welche sich die Negritos von Luzon selbst beilegen oder von den Eingeborenen erhalten. Insbesondere auffallend ist die Ähnlichkeit mit dem Namen „Idayan”, welchen ein Negritodialekt in Nord-Luzon führt. Doch widerspricht dieser Hypothese entscheidend die Nachricht, dass die Idanes — welche übrigens den spanischen Autoren nicht bekannt sind — nach Dalrymple (Waitz, V, 98) hellfarbiger sein sollen als die Küstenbewohner. Für Sulu (Hauptinsel) möchte ich die Existenz von Negritos schon deshalb verneinen, als im Innern dieser Insel ein ungemein kriegerischer Malaien-Stamm, jener der Guimbas, wohnt, der gewiss die Negritos ebenso ausgerottet haben dürfte, wie diess unter ähnlichen Verhältnissen in den Ländern der Igorroten auf Luzon geschehen ist. Dass die Insel Palawan Negritos beherbergt, ist wohl nicht zu bezweifeln, dagegen dürfte gegen ihre Anwesenheit in den Calamianes einiges einzuwenden sein, obwohl man bei den spärlichen Nachrichten und der geringen Kenntniss des Landes sich hierüber nur sehr reservirt aussprechen darf. Ich mache nur darauf aufmerksam, dass die Spanier unter der Bezeichnung Calamianes auch den nördlichen Theil Palawans mitverstehen, wodurch leicht Irrthümer entstehen können.

Der südlichste Theil des Generalcapitañats der Philippinen, die grosse Insel Mindanao, wird ebenfalls von Negritos bewohnt. Der berühmte Jesuit P. Francisco Combez, der gründlichste Kenner jenes Landes zu seiner Zeit, constatirt ihre Existenz auf Seite 36 seiner Geschichte von Mindanao, und auch Dampier und Gemelli-Carreri bestätigen diess. Selbst der 25. Bd. der Halle’schen Welthistorie berichtet, dass im Innern Mindanao’s Neger hausen. Ihr Hauptsitz soll der nordöstliche Winkel Mindanao’s sein, was sehr natürlich erscheint, indem ja die malaiische Invasion von Südwest erfolgte, eine Analogie haben wir bereits auf Luzon gefunden, nur sind die Negritos von Mindanao von der Küste durch Malaien getrennt. Dr. F. Jagor schätzte ihre Zahl auf dieser Insel auf 10 000 Köpfe, fügt aber hinzu, dass ihre Rassenreinheit sehr fraglich wäre (Phil. 322). Cavada (II, 206) constatirt ihre Existenz in dem zur Provinz Surigao gehörigen Theile Mindanao’s.

Die Negritos sind also beinahe in allen Theilen des Archipels zu finden, mit Ausnahme der beiden Inselgruppen der Batanes und Babuyanes und vielleicht von Sámar, Leyte, Bóhol und Sulu. Trotz dieser grossen Verbreitung ist ihre Zahl eine sehr geringe, und wenn Mas (pobl., p. 9) und Mallat (II, 94) ihre Zahl auf 25 000 schätzen, so ist diess jedenfalls eher zu viel als zu wenig, wie diess schon Semper (Skizzen 138) hervorgehoben hat.

Was ihr Äusseres anbelangt, so haben darüber die ausgezeichneten Untersuchungen von Hofrath Dr. A. B. Meyer, Prof. Virchow, Prof. Semper und Dr. Schadenberg genug Eingehendes über diesen Gegenstand gebracht, so dass ich mich mit einer kurzen Zusammenstellung des Gegebenen begnüge. Ihr Körperbau ist klein, schmächtig, die Waden, wie diess die Photographie in dem so überaus interessanten Werke Dr. Meyer’s „Über die Negritos &c.” drastisch zeigt, fast gar nicht vorhanden. Durchschnittshöhe der Männer (Prov. Zambales) 1445 mm. Der Kopf ist vollständig negerähnlich, der Kiefer ein wenig vorspringend, die Lippen schwach gewulstet, die Nase ist plattgedrückt; man vergleiche darüber die Skizzen Dr. Meyer’s in seinem oben erwähnten Werke. Das Haar ist wollig, dick und schwarz oder braunschwarz, Prof. Semper hebt seine Glanzlosigkeit hervor, es wird kurzgeschoren getragen. Ihre Körperfarbe ist schwärzlich-braun (dunkelkupferfarben). Wie bei vielen Stämmen, die in ähnlichen Verhältnissen leben, findet man bei ihnen verhältnissmässig grosse Bäuche. Der spärliche Bartwuchs beschränkt sich meist auf den Backenbart (Schadenberg 147). Auffallend ist die Geschicklichkeit, mit welcher sie sich ihrer Zehen zum Greifen und Festhalten zu bedienen wissen (Schadenberg 143).

Ihr Temperament ist ein sehr lebhaftes, und dass sie nicht so unbegabt sind, wie es die spanischen Geistlichen gern darthun möchten, beweist nicht nur der Umstand, dass sie ausser ihrer eigenen Sprache oft noch zwei Dialekte der angrenzenden Malaien sprechen (Meyer, Negr. 15), sondern auch die Thatsache, dass unter den malaiischen Irayas in Nordost-Luzon sich die Negritos sogar zu fester Niederlassung und sogar zum Ackerbau[1] haben bewegen lassen. Das sind auch ihre einzigen festen Niederlassungen, sonst leben sie als Nomaden in ihren Wäldern, selbst die Rancherías der den spanischen Behörden unterworfenen Negritos haben nur einen festen Namen (oft auch diesen nicht), aber keinen fixen Platz. Ihr einziger Schutz gegen die Unbilden der Witterung besteht in leicht beweglichen Schirmen, welche schräg gegen die Windrichtung oder gegen die Sonne gestellt werden. Sie sind aus Palmenblättern geflochten und haben oft eine Oberfläche von 25–30 Quadratfuss (Semper, Erdk. XIII, 253). Die Küsten-Negritos von Nordost-Luzon, welche Dumagat genannt werden, liegen unter diesen Schutzdächern je nach dem Vermögensstande auf Strohmatten, Stücken von Baumrinde oder nur auf der nackten Erde (Semper, l. c. und Ilustracion 1860, n. 17, p. 193), diese Schutzdächer tragen sie bei ihren Wanderungen mit sich herum.

Um sich vor der Nachtkälte in den Bergwäldern zu schützen, legen sie sich so nahe an das Feuer, dass man glauben sollte, ihre Haut müsse versengt werden, oder sie legen sich sogar in die heisse Asche hinein. Da sie sonst auch sehr unreinlich sind, so ist es kein Wunder, wenn ihr Körper mit Schmutzkrusten bedeckt ist.

Bis zum Eintritt der Pubertät laufen sie ganz nackt herum (Mundt-Lauff, Natur V, 458), dann schlagen sie sich ein Tuch um die Lenden oder tragen ein oft ungenügendes Suspensorium (Meyer, Negr. 15). Die Weiber jener Horden, welche in einem freundschaftlichen Handelsverkehre mit den Christen stehen, tragen ein kurzes Jäckchen (auf den Philippinen Hemd — camisa — genannt) und den Tapis der philippinischen Malaien (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Unter den Männern tragen einige auch einen erhandelten Mantel um die Schultern und auf dem Kopfe ein Tüchlein (Ilustr., l. c.). Die Leibbinde besteht aus einem selbstbereiteten Baumrindenstoff oder aus gekaufter Baumwolle. Es giebt aber auch Negrito-Horden, welche die Tracht der christlichen Malaien angenommen haben (Cavada I, 221; II, 127).

Sie kennen und üben die Sitte des Tätowirens. Bei den Negritos von Zambales und Bataán (Sierra Mariveles) werden die Tätowirungsmuster, welche aus geradlinigen Mustern bestehen, durch Hauteinschnitte mittelst geschärfter Bambussplitter erzeugt. Dadurch entstehen schwach erhöhte Narben, welche aber erst in grosser Nähe in die Augen fallen (Meyer 16). Auch die Dumagat-Negritos tragen geradlinige Muster auf Brust, Oberleib, Schultern und Rücken, hier (Nordost-Luzon) aber werden keine Hauteinschnitte gemacht, sondern jene Muster wie bei den umliegenden Malaien mittelst einer Nadel eingestochen (Semper, Skizzen 50). Sobald die Tätowirung vollständig ist, wird der Negrito-Jüngling ein selbständiger Mann, er kann jetzt heirathen und eine Familie gründen (Schadenberg 136).

Bei einigen Horden werden die Schneidezähne sägeförmig zugefeilt (Jagor 374; Meyer, Negr. 23 u. 27), diese Sitte ist aber nicht allgemein, denn Mas (pobl. I) sagt ausdrücklich, er hätte nur einige Negritos gesehen, welche die Zähne spitzgefeilt trugen, was auch Schadenberg bestätigt (136). Semper will diese Sitte nur auf die Negritos von Mariveles oder Zambales beschränkt wissen (Palau-Inseln 364). Über künstliche Schädeldeformation ist wenig bekannt, doch muss dieselbe wenigstens theilweise Statt finden (Schadenberg 135).

Ledige Männer tragen in den Haaren Kämme aus Rohr (m. vgl. die Abbildungen bei Schadenberg), angeblich zum Zeichen ihres ehelosen Standes (Ilustr. 1850, n. 17, p. 193), doch scheint letzteres nicht für alle Horden zu gelten, am allerwenigsten für die Negritos der Sierra Mariveles. D. Sinibaldo Mas (pobl. 2) erwähnt, dass bei den Negritos der Waldwildnisse des Mte. Camachin die Mädchen Halsbänder aus Palmenblättern trugen. Von ähnlichen Halsbändern aus Bast- oder Bejucoschnüren spricht Dr. Schadenberg (S. 141). Die Negritos von Zambales tragen nur selten Ohrgehänge, welche mitunter aus Muscheln bestehen, die Dumagat-Männer sowie alle Negrito-Weiber tragen in ihren Ohren verschiedene Schmuckgegenstände oft der verwunderlichsten Art. Es sind oft nur Stücke Rohr oder Holzsplitter, welche an den Enden ganz zerfasert sind, so dass faustgrosse leicht gekräuselte Büschel dadurch entstehen; Semper (Erdk. XIII, 253) fand diesen Schmuck bei den Dumagat-Negritos. Die Weiber benutzen ihre Ohren auch als Transportmittel, indem sie Rollen jener Pflanzenrinde, welche ihnen zur Bereitung ihrer Kleiderstoffe dient, in die Ohrlöcher stecken (Semper, Erdk. XIII, 253). Manche Weiber tragen auch ein Zweiglein sammt seinem Blüthenschmucke in den Ohren (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193), die Weiber tragen auch schön verzierte Bambuskämme in den Haaren (Schadenberg 141). Ringe werden an Armen und Beinen getragen (Semper, Skizzen 50). Glasperlen und Messingdraht (um den Hals zu tragen) dienen den Frauen zum Schmucke (Meyer, Negr. 15). Sonst schleppen sie noch selbstverfertigte Beutel mit sich herum, in denen sie den leidenschaftlich begehrten Tabak und Betel verwahren. Da ich schon vom Tabak spreche, so sei erwähnt, dass sie ihn nur in Cigarrenform rauchen, wobei sie das glimmende Ende zwischen die Zähne nehmen (Schadenberg 146). Eine Zierde der Männer ist der Hayabung, d. h. eine mit Wildschweinborsten, Glasperlen und Fledermausfellen verzierte Schnur, die oberhalb der Wade getragen wird (Schadenberg 141). Nach Dr. Jagor legt diesen Schmuck nur derjenige an, dem es geglückt ist, ein Wildschwein zu erlegen.