— — Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.

Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte die laue Luft. — Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei der bella Italia mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es ging, und suchten die Ruhe.

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Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. —

Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die schlafende Stadt; — so wenig diese sich um die Sonne kümmert. — Was ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau — rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt — starke Schwankungen der kleinen Fischerboote — die große Fregatte fest, aber bei den Italienern nicht beliebt — Wellengold und Nebelsilber ausgeboten — — von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den Markt wirft — aber kein Käufer.“

Doch Einer war ja aufgetreten! — Und wie klein ist der Preis, den die ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, — und ohne zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, — so voll, daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes oder der Seligkeit aus der Brust.

Den Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.

So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. — Diese Morgenstunde am Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem Diamant“ geweiht. — Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war sein Glaube geworden, — jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. — Sein Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, — der Gedanke schwingt sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.

Wiedersehen! und welches Wiedersehen? — Meer und Himmel hatten keine Antwort. Er fand sie in sich. — War doch in ihm die Liebe zum hohen markigen Baume emporgewachsen — — und sie könnte ihm, die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? —