Mitten im Schoose der höchsten Gebürge liegt das Königreich Kaschmire verborgen, wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höhern und höhern Bergen umschlossen, deren letzte sich mit ewigem Schnee bedeckt zum Himmel erheben. Hier rinnen schöne Bäche und Ströme; Inseln und Gärten stehen im erquickendsten Grün; mit Viehweiden ist alles überdeckt; die Einwohner werden für die geistreichsten und witzigsten Indier gehalten. Sie sind zur Poesie und Wissenschaften gleich aufgelegt; sie sind die wohlgebildetesten Menschen, ihre Weiber oft Muster der Schönheit. Die Gestalt der Hindus[5] ist gerade, schlank, schön; ihre Glieder fein, proportionirt; ihr Gesicht offen, gefällig; ihr Tragen des Körpers im höchsten Grade anmuthig und reizend, und wie die Leibesgestalt, so ist auch ihr Geist. Mäßigkeit, Ruhe, sanftes Gefühl bezeichnen ihre Arbeit, ihre Sittenlehre, Mythologie, ihre Künste, selbst ihre Duldsamkeit unter dem äußersten Joche der Menschheit.
Bei dem heissen Afrikaner ist das Profil und der ganze Bau des Körpers wieder anders. Der Mund tritt hervor, dadurch wird die Nase stumpf und klein. Die Stirne ist zurückgewichen, das Gesicht hat von vorne Aehnlichkeit der Konformation zum Affenschädel. Hienach richtet sich die Stellung des Halses, der Uebergang zum Hinterkopf, der ganze elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum thierischen sinnlichen Genuß gemacht ist. In diesem Mutterlande der Sonnenwärme ist alles fruchtbar, alles Leben. Feine Geistigkeit wird hier der kochenden Brust versagt, aber dafür hat der Afrikaner Fibernbau, der an jene Gefühle nicht denken läßt. Er schwimmt, läuft, klettert sorglos mit unglaublicher Behendigkeit: er trägt alle Unfälle seines Klima[6]. Er vermißt nicht das quälende Gefühl höherer Freuden, für die er nicht gemacht ist. Die Natur hätte kein Afrika schaffen müssen, oder in Afrika müßten Neger wohnen.
Wie der Araber in der Wüste, und der Mongole auf seiner Erdhöhe in seinen Steppen einherzieht, so zieht der wohlgebildete Beduin in seiner weiten afrikanisch-asiatischen Wüste herum. Auch er ist ein Nomade in seiner Gegend, mit ihr ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte, sein Karakter harmonisch; er liebt seine Freiheit, verachtet Reichthümer und Wollüste, ist leicht im Laufe, fertig auf dem Roße, seine Gestalt hager, nervigt; seine Farbe braun, seine Knochen stark; er ist edel, treu, sein gefahrvolles Leben macht ihn behutsam, argwöhnisch; das Einsame seiner Wüste macht ihn zum Gefühl der Rache, der Freundschaft, des Enthusiasmus aufgelegt.
Der Kalifornier am Rande der Welt[7] in seinem unfruchtbaren Lande, bei seiner dürftigen Lebensart, bei seinem wechselnden Klima, klagt nie über Hitze und Elend, irrt immer und schläft fast jede Nacht wo anders, entgeht oft dem Hunger nur schrecklich, ißt nicht selten den Heusamen aus seinem eigenen Koth wieder heraus; sein Hausgeräth besteht in Därmen, worin er Wasser hohlt, und doch ist er — gesund und glücklich. Er schäckert, singt und lacht den ganzen Tag, wird alt, und ist so stark, daß er mit seinen zwei Vorderzähnen beträchtliche Steine heben kann. Er erträgt Schmerzen mit unglaublicher Standhaftigkeit, und erwartet den Tod im hohen Alter mit einer Gleichgültigkeit, die kaum ein europäischer Philosoph erreicht. Die Einwohner an den Ufern des Senegal leben in einer Hitze, die den Weingeist zum Kochen bringt; und die in der Hutsons- und Davids-Bay in Kamschatka, im nördlichen Asien in einer Kälte, die den konzentrirtesten Weingeist, selbst das Quecksilber gefrieren macht[8], und sind gesund, stark. —
Das sind nun die Menschen aus verschiedenen Winkeln der Erde, das sind solche, die wir Barbaren nennen, das sind Völker, deren Körper und Karakter durch die Einwirkung äußerer Ursachen so sehr von uns absteht, und sie sind — glücklich, weil sie den Instinct, durch den die weise Natur spricht, hören, und — befolgen, wenigstens genauer, wie wir. Der Europäer, der immer künstelt, immer an der Natur zu verbessern findt, ist kränklich, siech, elend — unglücklich. Wo er auch nur immer in einen Winkel der Erde hinkömmt, da weicht Ruhe, Gesundheit und Glückseligkeit weg. Das auffallendste Beispiel sind die Brasilier, die ehedem ihres Alters wegen berühmt waren. Damals lebten sie ganz einfach, und daher glücklich. Sie waren stark, gesund; ihre Kinder wurden früh mannbar, waren fast nie krank, und lebten sehr lange; allein so bald die Europäer sie überwanden, ihre Erziehung, ihre Sitten, ihre Kniffe einführten, sie mit ihren Ausschweifungen, mit ihrer Unmäßigkeit bekannt machten, — weg war das Glück dieser guten Einwohner, Gesundheit, langes Leben, Zufriedenheit, Alles, Alles war verschwunden, wie der Nebel bei der aufgehenden Sonne.
Also noch einmal: Zurückgehen müssen wir auf den Weg der Natur; dann werden wir glücklicher werden, und dann wird die Kultur unseres Geistes groß, und kraftvoll werden; wenn unser Körper gesunder seyn wird. —
Es ist wahr: es entscheiden schon über unser künftiges Glück, über einen großen Theil unserer physischen und moralischen Tugenden Umstände, die sich lange vor unserer Geburt ereignen. Der körperliche und Seelenzustand unserer Aeltern in dem Augenblicke, da sie sich mit der Gründung unserer Existenz beschäftigen, bestimmt schon großen Theils unsern zukünftigen Werth. „Ich wünschte (sagt Tristram Shandy) daß mein Vater, oder meine Mutter, oder lieber alle beyde (denn im Grunde war der eine so gut dazu verbunden, als der andere) hübsch darauf gedacht hätten, worauf sie umgiengen, als sie mich zeugten: hätten sie gehörig in Erwägung gezogen, was für ein wichtiges Geschäft sie verrichteten — ich bin innig überzeugt: ich würde eine ganz andre Figur in der Welt gemacht haben.“ Und wirklich es ist keine phantastische Vermuthung, daß in dem Augenblicke unsrer anfangenden Existenz schon mancherlei Umstände auf uns — auf immer auffallend grossen Einfluß haben. Müller hat wahrlich ganz Recht, daß er sagt, so oft ich ein mürrisches, träges Temperament sehe, so fühle ich mit Frank die Versuchung zu denken, daß die Mutter desselben zur Unzeit genießt, und der Vater noch halb im Schlafe ihr gedankt habe. Kinder, die mehr aus Pflicht, als natürlicher Aufwallung gezeugt werden, haben immer das Ansehen, als wäre es ihnen nicht recht Ernst, in der Welt ihre angewiesene Rolle mitzuspielen, und höchstens dienen sie — die Scenen des menschlichen Lebens auszufüllen. — Das leidet wohl keinen Widerspruch; eben so wenig, als daß die Aufführung der Mutter während der Schwangerschaft auf unser künftiges Wohl und Wehe wirkt; aber eben so wahr ist es, daß das Physische der Erziehung alle unsere mitgebrachte Anlagen auf eine unglaubliche Art modifizirt; daß sie durch ihren Einfluß auf den Körper eben so auf Moralität wirkt; wie umgekehrt Regierungsform, Religion etc. auf unsere physische Beschaffenheit wirken. Man kann versichert seyn (sagt Hufeland)[9] daß man durch eine gute physische Erziehung nicht bloß den Körper, sondern auch die Seele bildet, und daß man schon im ersten Jahre dadurch selbst den Seelenorganen eine ungemein glückliche Richtung geben kann, die die nachherige moralische Bildung sehr erleichtert, so nach meiner Meinung ein wesentliches Stück derselben ist. — Denn wie viel Schiefheiten der Denkart, und des moralischen Gefühls sind im Grunde nichts weiter, als Kränklichkeit und Verstimmung der Seelenorganen; und ich bin völlig überzeugt, daß ein gesunder Zustand der Organisation, und naturgemäße Vertheilung, und Harmonie der Kräfte der wesentliche Grund von der Gabe ist, die man gesunden Menschenverstand, bon sens, nennt, und die eigentlich nichts anders ist, als ein gehöriges Gleichgewicht, und harmonische Brauchbarkeit der Seelenkräfte. Man wird’s dem Arzte verzeihen, wenn ich zu bemerken glaube, daß aus eben dieser Ursache Witz, Genieflug, erhitzte Einbildungskraft, Schwärmerey u. s. w. in unserer Generation weit häufiger sind als reiner natürlicher Sinn, und richtige Urtheilskraft; wenn ich jene glänzenden Eigenschaften der jetzigen Zeit nicht als Ausbrüche von Kraft, sondern als bedenkliche Symptomen einer kränklichen, und ungleichen Seelenreizbarkeit ansehe, und wenn ich zu hoffen wage, daß durch fortgesetzte bessere, und naturgemäßere Behandlung des physischen Menschen auch eine gesündere Geistesstimmung zu erwarten seyn dürfte. Dieser Meinung ist auch der ehrliche J. J. Rousseau[10].
Die Natur bildet selbst den physischen Menschen zu dem, was er mit der Zeit seyn soll, und wenn man sie ungehindert arbeiten läßt, so bringt sie beinahe lauter Meisterstücke hervor, und überläßt uns die grosse Kunst — aus Bäumen, und Menschenkindern Zwerge zu erziehen. Man lasse also nur die Natur allein ihren eigenen Weg einschlagen; man dünke sich nur nicht weiser, als diese kluge Schöpferinn; man lasse ihr ganz freies Spiel (wenigstens denn doch in so weit, als unser gesellschaftlicher Zustand es erlaubt) und man hat dann gerade alles gethan, was man in diesem wichtigen Zeitpunkte thun muß, weil man — nichts gethan hat. Daher sind die mehrsten Menschen, die man Wilde nennt, von der vortrefflichsten körperlichen Bildung, ihre Mädchen schlank, und zur Geburtsarbeit so aufgelegt, daß unter tausend Gebärenden nicht eine stirbt.