Frau Ziemens. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
Marie (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden — die Brille.
Frau Ziemens. Herr mein Gott! — Nun erst begreif' ich, wie tief Du sankst — — Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut sie mehr!
Marie. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines Beispiels! — Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?
Frau Ziemens. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin.
Marie. Muß ich — ?
Frau Ziemens. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?!
Marie. . . .Der Tod.
Frau Ziemens. Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten wir das um Dich!
Marie (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete — Ersehnte! Er ist's! — Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden Ports — doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt ihn das unerbittliche Meer.