Übrigens, wenn Rose und Iris, Orchydee und Seerose, solcherart auf unsere Erdkugel gelangt, von den unbekannten Gesetzen ihrer vorherigen Heimat geleitet werden — sei die nun Mars oder Venus oder ein ganz anderer Planet —, ist es reizvoll, sich vorzustellen, daß die Blüte der Wunderblume nicht eher sich schließen und einschlafen mag, bevor sich nicht der Abend auf ihren Heimatstern gesenkt hat, das heißt ehe es nicht Tag geworden ist auf der Erde.
Das früher Gesagte vorausgesetzt, wäre es unterhaltend, die Blume oder den Baum zu kennen, die jeder einzelne bevorzugt, und zu beobachten, ob die Menschen, die Sympathie für die gleiche Blume haben, nicht denselben Sterneneinflüssen unterworfen sind wie diese Blumen. Was mich anlangt, so liebe ich die Pflanzen zu sehr, um mich für die eine oder die andere zu entscheiden — denn das schiene mir eine Untreue gegen alle übrigen zu sein. Aber einen Strauch und eine Blume kann ich doch angeben, deren Anblick mich in eine unerklärliche Erregung versetzt: die lagerstroemia Indica und die amaryllis belladonna. Die lagerstroemia blüht gegen Ende des Sommers. Ich habe sie einmal in einem Prosagedichte „Flieder einer anderen Welt“ getauft. Sie ist ein Strauch ohne Rinde. Ihr glatter Stamm breitet nur im Schlafe die Zweige aus, was ihr das unglückliche Aussehen eines Besens oder einer riesenhaften Rose von Jericho verleiht. Aber ihre Blüten! Unter den azurnen August- und Septemberhimmeln heben sie sich aus ihrem Laube, das fremdartig grün ist und sehr ähnlich dem des Granat- und des Spindelbaumes, und bilden Szepter von einem unsagbaren Rosa, das nie der Erde angehört hat, einem Rosa voll schwermutschönen Heimwehs nach einem verlorenen Paradiese. Warum liebe ich diesen Baum mit solcher Liebe? Es gibt eine lagerstroemia, die ich Jahr für Jahr besuche, und die in jedes neue Blühen meine Trauer oder meine Freude mitempfängt. Sie schmückt mit ihren geheimnisvollen Korallen einen Garten im nördlichen Spanien. Auf meine Bitte hat man mir erlaubt, durch eine kleine Tür ihr sorglich verschlossenes Reich zu betreten. Und ich bin, einer sonderbaren Unruhe verfallen, durch die Alleen geirrt, die ihre glorreiche Majestät zu verdunkeln schien.
Die amaryllis belladonna ist vom Kap der guten Hoffnung zu uns gebracht worden. Inmitten eines Büschels schwertförmiger Blätter, die sich weich nach außen biegen, strebt ihre rosige Lilie empor. Aber ihr Rosa hat nichts von dem außerirdischen der lagerstroemia, es ist samtig wie Aprikosen, es gleicht dem der Wassermelone, der Meerfrüchte oder des Lachses. Ein paar von diesen Pflanzen sind meine Freunde: die stehen nicht in dem spanischen Garten, von dem ich früher gesprochen habe, sondern in einem alten kleinen Garten in Frankreich. Er wölbt sich wie ein Dach über die Landstraße, auf der dereinst die Postkutschen, in denen die Mädchen der alten Zeiten mit wehenden Hüten durch den Glanz der untergehenden Sonne gegen Paris fuhren, hinholperten ....
Ich empfinde eine trübe und schmerzliche Freude, wenn meine Blicke über diese rosigen Kelche hingehen. Wer wird mir die sonderbaren Gefühle, die mir diese beiden Pflanzen einflößen, erklären? Ihr Anblick verwirrt meinen Verstand und läßt im Spiegel meiner Seele das Bild eines ganz traurigen Traumes erstehen: auf einem Sterne erwartet mich widerwillig und sehnlich zugleich ein dunkelhaariges Mädchen in einem amaryllisrosa Kleide. Sie sitzt unter einer lagerstroemia an einem Grabhügel, über dem in unbekannten Zeichen ein Name, vielleicht der meine, geschrieben steht.
Meine Freundin, eines Abends wirst du mich aus der Tiefe des Tales kommen sehen, und ich werde dir deine Lieblingsblumen bringen. Es wird schon spät sein. Mit meiner grünen Trommel auf dem Rücken werde ich den ganzen Tag ohne Rast auf der Suche gewesen sein, das Herz voll Tränen, und werde unter den Blicken Gottes mit meinem kleinen Spaten in allen Einsamkeiten die Erde durchwühlt haben. Werde ich aber die Pflanze, die unser beider Geschicke einen muß, wirklich gewünscht haben? Schon ahne ich, wie ein Edelsteinsucher, den ein geheimnisvoller Sinn leitet, deine liebste Blume voraus. Sie wächst nicht im Schnee, nicht auf den Gletschern noch unter den Lärchen der Alpen, nicht am Rande der Kressebeete noch auch in der lügnerischen Sahara, deren Spiegelungen meinen Fieberdurst heimgesucht haben. Sie erblüht in meiner Seele.
NOTIZEN
I.
Ich habe mir oft den Himmel ausgemalt. In der Kindheit war er mir die Hütte, die sich ein alter Mann in unserer Gegend hatte auf der Höhe eines steilen Bergweges errichten lassen, und die „das Paradies“ genannt wurde. Mein Vater pflegte um die Stunde, in der das schwarze Heidekraut der Hügel golden wird wie eine Kirche, mit mir dahin zu gehen. Am Ende jedes dieser Spaziergänge wartete ich darauf, Gott in der Sonne, die oben am Kamme des steinigen Steiges einzuschlafen schien, sitzen zu sehen. Habe ich mich getäuscht?
Weniger leicht kommt es mir an, mir das katholische Paradies mit seinen azurnen Harfen und dem rosigen Schnee der himmlischen Heerscharen in den reinen Regenbogen vorzustellen. So halte ich mich doch immer noch an mein erstes Gesicht. Aber seitdem ich die Liebe kennen gelernt habe, habe ich zu dem himmlischen Bereiche vor der Hütte des alten Mannes noch eine sonnenwarme Bergwiese, auf der ein junges Mädchen Blumen pflückt, dazugetan.