Ganz sachte schob ich ihr Kleid zur Seite und sah, daß auch ihr Rücken wund war. Ich wusch sie. Aber sie flüchtete, entsetzt von dieser Güte, unter den Tisch meiner Hütte. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich versuchte, sie zu rufen. Aber ihre Blicke, wie die einer geschlagenen Hündin, flohen mich. Ich hatte da ein paar Kartoffeln und ein wenig Butter. Ich zerdrückte sie mit einem Holzlöffel in einem Napfe, machte eine Brühe davon und stellte sie in einiger Entfernung von der Hingekauerten auf den Boden hin. Dann zündete ich meine Pfeife an. Aber wie groß war mein Erstaunen, als sie plötzlich auf allen Vieren zu einer Ecke der Stube kroch, wo ich ein paar Blumen liegen gelassen hatte. Sie richtete sich jäh auf und griff mit einer lebhaften Bewegung danach.
Seit jenem Abenteuer mochten etwa hundertfünfzig Jahre vergangen sein, als ich ihr von neuem begegnete. Ich wenigstens war davon überzeugt, daß sie es war. Es war im peruanischen Speisehause in Bordeaux. Sie wischte hier an dem Glase eines mürrischen Studenten, der gefunden hatte, es sei nicht sauber genug.
RONSARD
Meine Mutter hat ein altes Glas bekommen, ein Glas, wie das gewesen sein muß, aus dem Ronsard dem Jean Brinon einen Trunk geboten hat. Wie mag Ronsard gewesen sein? Sicherlich hat er ein Gewand aus Hermelin getragen. Und während die großen Regen der alten Zeiten die Haselnußsträucher am Loir peitschten, saß er mit einem dicken alten Folianten in der Kaminecke seines Schlosses. Es muß ein Sonntagnachmittag um drei Uhr gewesen sein. Ein Frosch quakte in seiner Lache, in die die Lanzen des Regens splitterndes Licht spritzten. Marie oder Genoveva oder eine andere betrat das Gemach und setzte sich zu ihm. Und er legte, ohne das Buch zu schließen, sanft seine freie Hand auf das Knie der Geliebten. Und er lächelte. Er dachte an Odysseus, der über die grauen Meere irrt, an Helena, an das Urteil des Paris, an Troja und an die Bogenschützen, die nackt und helmtragend an der Mauerbrüstung knien und den Bogen auf antikische Art spannen.
Wenn die Wasser der Pyrenäenbäche meinen Namen in die Nachwelt tragen wie die Wasser der Vendôme den des Ronsard, wenn je ein Jüngling, dem das Herz schwer und beklommen ist vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädel an der Brust trägt, sich fragen sollte, wie ich gewesen sein mag, möge er sich antworten: „An diesem regengrauen Allerheiligentage hatte Francis Jammes sein Herz gar nicht schwer und beklommen vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädchen an der Brust trägt. (Übrigens gibt es ja im Herbste keine Nelken!) Er rauchte vielmehr seine Pfeife und pflanzte Sauerklee in einen Blumentopf, um den Schlaf der Pflanzen zu studieren.“ An der einen Wand seines Zimmers hing ein Epinaler Bilderbogen, der das „einzige wahrhaftige Bild des ewigen Juden“ darstellte. Er zeigte den ewigen Juden mit einem wunderlichen Hute, einem Mantel, in blauen Pantoffeln, und einem roten Gewande, wie ihm gerade Brabanter Bürger einen Krug schäumenden Bieres reichen. Das Wirtshaus darauf ist wirklich poetisch; Reben ranken daran empor und große Rosen beugen sich zum Erdboden nieder — — wie die Armen, die Bettellieder singen und sich zur Erde beugen. Und das alles ist im Lichte des Abendrotes gegen Ende des friedlichen Sommers dargestellt.
An diesem Tage nun warf Francis Jammes einen kurzen Blick auf seinen Ruhm. Dieser ganze Ruhm lag auf seinem Tische und bestand in dem Umschlag eines Briefes, den ihm ein Mönch aus Deutschland geschrieben hatte, aus dem Briefe eines ihm unbekannten Holländers, der Walch hieß, und dem Briefe eines jungen Mädchens. Francis Jammes lächelte. Dann klopfte er an seinem Finger die Asche aus der Pfeife — — — und war entschlossen, den Toten Ehre zu erweisen.
ROBINSON CRUSOE
Ich setze diese Verse hierher; sie sind aus einem Gedichte, das ich in Holland geschrieben habe:
Robinson Crusoe hat (so glaub ich), da er heimfuhr
Von seinem grünen schattigen Eiland, das