Melchior
— Könnt ihr vergessen?
Moritz
Wir können alles. Gib mir die Hand! Wir können die Jugend bedauern, wie sie ihre Bangigkeit für Idealismus hält, und das Alter, wie ihm vor stoischer Überlegenheit das Herz brechen will. Wir sehen den Kaiser vor Gassenhauern und den Lazzaroni vor der jüngsten Posaune beben. Wir ignorieren die Maske des Komödianten und sehen den Dichter im Dunkeln die Maske vornehmen. Wir erblicken den Zufriedenen in seiner Bettelhaftigkeit, im Mühseligen und Beladenen den Kapitalisten. Wir beobachten Verliebte und sehen sie voreinander erröten, ahnend, daß sie betrogene Betrüger sind. Eltern sehen wir Kinder in die Welt setzen, um ihnen zurufen zu können: Wie glücklich ihr seid, solche Eltern zu haben! — und sehen die Kinder hingehn und desgleichen tun. Wir können die Unschuld in ihren einsamen Liebesnöten, die Fünfgroschendirne über der Lektüre Schillers belauschen.... Gott und den Teufel sehen wir sich voreinander blamieren und hegen in uns das durch nichts zu erschütternde Bewußtsein, daß beide betrunken sind.... Eine Ruhe, eine Zufriedenheit. Melchior —! Du brauchst mir nur den kleinen Finger zu reichen. — Schneeweiß kannst du werden, eh′ sich dir der Augenblick wieder so günstig zeigt!
Melchior
— Wenn ich einschlage, Moritz, so geschieht es aus Selbstverachtung. — Ich sehe mich geächtet. Was mir Mut verlieh, liegt im Grabe. Edler Regungen vermag ich mich nicht mehr für würdig zu halten — und erblicke nichts, nichts, das sich mir auf meinem Niedergang noch entgegenstellen sollte. — Ich bin mir die verabscheuungswürdigste Kreatur des Weltalls....
Moritz
Was zauderst du ...?
(Ein vermummter Herr tritt auf)
Der vermummte Herr (zu Melchior)