Moritz
Dein Tee wird mir gut tun, Melchior! — Ich zittre nämlich. Ich fühle mich so eigentümlich vergeistert. Betaste mich bitte mal. Ich sehe — ich höre — ich fühle viel deutlicher — und doch alles so traumhaft — o, so stimmungsvoll. — Wie sich dort im Mondschein der Garten dehnt, so still, so tief, als ging′ er ins Unendliche. — Unter den Büschen treten umflorte Gestalten hervor, huschen in atemloser Geschäftigkeit über die Lichtungen und verschwinden im Halbdunkel. Mir scheint, unter dem Kastanienbaum soll eine Ratsversammlung gehalten werden. — Wollen wir nicht hinunter, Melchior?
Melchior
Warten wir, bis wir Tee getrunken.
Moritz
— Die Blätter flüstern so emsig. — Es ist, als hörte ich Großmutter selig die Geschichte von der „Königin ohne Kopf“ erzählen. — Das war eine wunderschöne Königin, schön wie die Sonne, schöner als alle Mädchen im Land. Nur war sie leider ohne Kopf auf die Welt gekommen. Sie konnte nicht essen, nicht trinken, konnte nicht sehen, nicht lachen und auch nicht küssen. Sie vermochte sich mit ihrem Hofstaat nur durch ihre kleine weiche Hand zu verständigen. Mit den zierlichen Füßen strampelte sie Kriegserklärungen und Todesurteile. Da wurde sie eines Tages von einem Könige besiegt, der zufällig zwei Köpfe hatte, die sich das ganze Jahr in den Haaren lagen und dabei so aufgeregt disputierten, daß keiner den andern zu Wort kommen ließ. Der Oberhofzauberer nahm nun den kleineren der beiden und setzte ihn der Königin auf. Und siehe, er stand ihr vortrefflich. Darauf heiratete der König die Königin, und die beiden lagen einander nun nicht mehr in den Haaren, sondern küßten einander auf Stirn, auf Wangen und Mund und lebten noch lange lange Jahre glücklich und in Freuden.... Verwünschter Unsinn! Seit den Ferien kommt mir die kopflose Königin nicht aus dem Kopf. Wenn ich ein schönes Mädchen sehe, seh′ ich es ohne Kopf — und erscheine mir dann plötzlich selber als kopflose Königin.... Möglich, daß mir nochmal einer aufgesetzt wird.
(Frau Gabor kommt mit dem dampfenden Tee, den sie vor Moritz und Melchior auf den Tisch setzt)
Frau Gabor
Hier Kinder, laßt es euch munden. — Guten Abend, Herr Stiefel; wie geht es Ihnen?