Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?
Medea.
Die Ungeladnen weist man vor die Tür.
Kreusa.
Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.
Medea.
Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.
Kreusa (nähertretend).
Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!
Medea (sich rasch gegen sie kehrend).
O holder Klang!—Wer sprach das milde Wort?
Sie haben mich beleidigt oft und tief,
Doch keiner fragte noch, ob's weh getan?
Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich,
Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt,
Ein sanftes Wort und einen milden Blick.
(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.)
O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht.
Ein Königskind, wie du, bin ich geboren,
Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn
Das Rechte blind erfassend mit dem Griff.
Ein Königskind wie du, bin ich geboren,
Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend,
So stand auch ich einst neben meinem Vater,
Sein Abgott und der Abgott meines Volks.
O Kolchis! o du meiner Väter Land!
Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!
Kreusa (ihre Hand lassend).
Du Arme!
Medea.
Du blickst fromm und mild und gut
Und bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich!
Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall!
Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten,
Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen,
Von Silberwellen hin und her geschaukelt,
So hältst du dich für eine Schifferin?
Dort weiter draußen braust das Meer
Und wagst du dich vom sichern Ufer ab,
Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten.
Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir.
Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert,
Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!