Karkhan
Der Mann vom Felsen
Ein altes Weib
Ein Königlicher Kämmerer
Ein Hauptmann
Erster und Zweiter Anführer
Eine Dienerin Gülnarens
Gefolge und Kämmerlinge des Königs
Frauen und Dienerinnen Gülnarens
Zwei Verwandte Karkhans
Zwei Knaben. Diener. Krieger. Volk (beiderlei Geschlechts)
Erster Aufzug
(Ländliche Gegend mit Felsen und Bäumen. Links im Vorgrunde eine
Hütte. Neben der Tür eine Bank. Sommerabend.
Hörnertöne erschallen aus der Ferne.)
Mirza (kommt aus der Hütte).
Horch! War das nicht Hörnerschall?
Ja, er ist's! Er kommt! Er naht! Doch so spät erst!—Warte,
Wilder,
Du sollst mir's fürwahr entgelten!
Unerbittlich will ich sein,
Schmollen will ich, zürnen, schelten,
Und nur spät—erst spät verzeihn. Ja, verzeihn! Das ist es eben,
Darin liegt das Maß des Unglücks.
Oh, man sollte grollen können,
Grollen, so wie andre fehlen,
Lang und unabänderlich,
Daß Verzeihung Preis der Beßrung
Und nicht Lohn des Fehlers schiene.
Denn es ist fürwahr nicht billig,
Daß die Strafe der Beleid'gung
Nicht einmal so lange währe,
Ach, als der Beleid'gung Schmerz.
Könnt' ich trotzig sein, wie er,
Oh, ich weiß, er wäre milder. Doch wo bleibt er? Dort herüber
Schien des Hornes Ton zu kommen.
(Zurücktretend und nach allen Seiten blickend.)
Dort vom Hügel steigt ein Mann
Mit des Weidwerks Raub beladen.
Ob er's ist?—Die Sonne blendet.
Scheidend an der Berge Saum,
Schüttet sie, in Glut versunken
Ihres Brandes letzte Funken
Durch die abendliche Flur
Auf des späten Wandrers Spur. Jetzo wendet er das Antlitz!
Rustan!?—Armes, oft getäuschtes Herz!
Wohl ein Jäger schreitet her,
Rasch beflügelnd seine Schritte,
In der lauten Doggen Mitte,
Wohl ein Jäger, doch nicht er. Trage, wunder Busen, trage,
Bist des Tragens ja gewohnt!
(Setzt sich.)
(Abend) ist's, die Schöpfung (feiert),
Und die Vögel aus den Zweigen,
Wie beschwingte Silberglöckchen,
Läuten aus den Feier(abend),
Schon bereit, ihr süß Gebot,
Ruhend, selber zu erfüllen.
Alles folgt dem leisen Rufe,
Alle Augen fallen zu;
Zu den Hürden zieht die Herde,
Und die Blume senkt in Ruh'
Schlummerschwer das Haupt zur Erde. Ferneher vom düstern Osten
Steigt empor die stille Nacht;
Ausgelöscht des Tages Kerzen,
Breitet sie den dunkeln Vorhang
Um die Häupter ihrer Lieben
Und summt säuselnd sie in Schlaf. Alles ruht, nur er allein
Streift noch durch den stillen Hain,
Um in Berges dunkeln Schlünden,
Was er hier vermißt zu finden.
Und mich martert hier die Sorge,
Und mich tötet hier die Angst. Jener Jäger, Kaleb ist's,
Sieh, sein Weib eilt ihm entgegen
Mit dem Kleinen an der Brust.
Wie er eilt sie zu erreichen!
Und der Knabe streckt die Hände
Jauchzend nach dem Vater aus. Ihr seid glücklich!—Ja, ihr seid's!
(Sie versinkt in Nachdenken.)
(Massud kommt aus der Hütte.)
Massud.
Mirza!