Medea.
Ich seh dich an und seh dich wieder an
Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen.
Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele,
Das Herz wie deine Kleider hell und rein.
Gleich einer weißen Taube schwebest du,
Die Flügel breitend, über dieses Leben
Und netzest keine Feder an dem Schlamm,
In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben.
Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit
In diese wunde, schmerzzerrißne Brust.
Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben
O lösch es aus mit deiner frommen Hand
Und setze deine reinen Züge hin.
Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war,
Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen
O lehre mich, was stark die Schwäche macht.

(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)

Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten
Und will dir klagen, was sie mir getan;
Will lernen, was ich lassen soll und tun.
Wie eine Magd will ich dir dienend folgen,
Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand,
Und alles Werk, das man bei uns verachtet,
Den Sklaven überläßt und dem Gesind',
Hier aber übt die Frau und Herrin selbst,
Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König,
Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen,
Vergessend was geschehn und was noch droht—

(Aufstehend und sich entfernend.)

Doch das vergißt sich nicht.

Kreusa (ihr folgend).
Was ficht dich an?
Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn,
Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.

Medea

(an ihrem Halse). Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!

(Jason kommt.)

Kreusa (sich gegen ihn wendend).
Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!