Phaon.
Willst du etwas?
Sappho.
Nichts.—
Doch eins! (Mit Überwindung.) Ich sah dich mit Melitten scherzen—
Phaon.
Melitta? Wer? Ei ja ganz recht! Nur weiter!
Sappho.
Es ist ein liebes Kind!
Phaon.
So scheint's, o ja!
Sappho.
Die Liebste mir von meinen Dienerinnen,
Von meinen Kindern möcht ich sagen, denn
Ich habe stets als Kinder sie geliebt.
Wenn ich die Sklavenbande nicht zerreiße,
So ist es nur, da die Natur uns süßre
Versagt, um jene Eltern-, Heimatlosen
Nicht vor der Zeit dem Aug' der Lehrerin,
Der Mutter zarter Sorgfalt zu entziehn.
So war ich's stets gewohnt, und in dem Kreise
Von Mytilenes besten Bürgerinnen
Ist manche die in freudiger Erinnrung
Sich Sapphos Werk aus frühern Tagen nennt.
Phaon.
Recht schön, recht schön!
Sappho.
Von all den Mädchen
Die je ein spielend Glück mir zugeführt,
War keine teurer mir als sie, Melitta,
Das liebe Mädchen mit dem stillen Sinn.
Obschon nicht hohen Geists, von mäß'gen Gaben
Und unbehilflich für der Künste Übung,
War sie mir doch vor andern lieb und wert
Durch anspruchsloses, fromm-bescheidnes Wesen,
Durch jene liebevolle Innigkeit,
Die langsam, gleich dem stillen Gartenwürmchen,
Das Haus ist und Bewohnerin zugleich,
Stets fertig bei dem leisesten Geräusche
Erschreckt sich in sich selbst zurückzuziehn,
Und um sich fühlend mit den weichen Fäden
Nur zaudernd waget Fremdes zu berühren,
Doch fest sich saugt, wenn es einmal ergriffen,
Und sterbend das Ergriffne nur verläßt.
Phaon.
Recht schön, fürwahr, recht schön!
Sappho.
Ich wünschte nicht,
Verzeih mein teurer Freund! ich wünschte nicht,
Daß je ein unbedachtsam flücht'ger Scherz
In dieses Mädchens Busen Wünsche weckte
Die unerfüllt mit bitterm Stachel martern,
Ersparen möcht ich gern ihr die Erfahrung,
Wie ungestillte Sehnsucht sich verzehret,
Und wie verschmähte Liebe nagend quält.
Mein Freund!—