Sappho (zurückstürzend).
Ha!

Phaon.
Ah! Wer hat mich geweckt? Wer scheuchte neidisch
Des süßen Traumes Bilder von der Stirn?
Du Sappho? Sei gegrüßt! Ich wußt' es wohl
Daß Holdes mir zur Seite stand, darum
War auch so hold des Traumes Angesicht!
Du bist so trüb! Was fehlt dir? Ich bin froh!
Was mir den Busen ängstigend belastet
Fast wunderähnlich ist's von mir gesunken,
Ich atme wieder unbeklemmt und frei.
Und gleich dem Armen, den ein jäher Sturz
Ins dunkle Reich der See hinabgeschleudert
Wo Grausen herrscht und ängstlich dumpfes Bangen,
Wenn ihn empor nun hebt der Wellen Arm
Und jetzt das heitre, goldne Sonnenlicht,
Der Kuß der Luft, des Klanges freud'ge Stimme
Mit einem Mal um seine Sinne spielen:
So steh ich freudetrunken, glücklich, selig,
Und wünsche mir erliegend all der Wonne
Mehr Sinne oder weniger Genuß!

Sappho (vor sich hin).
Melitta!

Phaon.
Fröhlich, Liebe, sei und heiter!
Es ist so schön hier, o so himmlisch schön.
Mit weichen Flügeln senkt der Sommerabend
Sich hold ermattet auf die stille Flur,
Die See steigt liebedürstend auf und nieder,
Den Herrn des Tages bräutlich zu empfangen,
Der schon dem Westen zu die Rosse lenkt,
Ein leiser Hauch spielt in den schlanken Pappeln,
Die kosend mit den jungfräulichen Säulen
Der Liebe leisen Gruß herüberlispeln!
Zu sagen scheinen: Seht wir lieben! Ahmt uns nach!

Sappho (für sich ).
Fast will's von neuem mir die Brust beschleichen,
Doch nein! zu tief hab ich sein Herz erkannt!

Phaon.
Der Fiebertaumel ist mit eins verschwunden,
Der mich ergriffen seit so langer Zeit.
Und glaube mir, ich war dir nie so gut,
So wahrhaft, Sappho, gut, als eben jetzt.
Komm laß uns froh sein, Sappho, froh und heiter!—
Doch sprich, was hältst du wohl von Träumen Sappho?

Sappho.
Sie lügen, und ich hasse Lügner!

Phaon.
Sieh
Da hatt' ich eben als ich vorhin schlief
Gar einen seltsam wunderlichen Traum.
Ich fand mich nach Olympia versetzt,
Gerade so wie damals, als ich dich
Zuerst beim frohen Kampfspiel dort gesehn.
Ich stand im Kreis des fröhlich lauten Volks,
Um mich der Wagen und des Kampfs Getöse.
Da klingt ein Saitenspiel und alles schweigt.
Du warst's, du sangst der goldnen Liebe Freuden
Und tief im Innersten ward ich bewegt.
Ich stürze auf dich zu, da—denke doch!
Da kenn ich dich mit einem Mal nicht mehr.
Noch stand sie da die vorige Gestalt,
Der Purpur floß um ihre runden Schultern,
Die Leier klang noch in der weißen Hand;
Allein das Antlitz wechselt schnell verfließend
Wie Nebel, die die blauen Höhn umziehn.
Der Lorbeerkranz, er war mit eins verschwunden,
Der Ernst verschwunden von der hohen Stirn,
Die Lippen, die erst Götterlieder tönten,
Sie lächelten mit irdisch-holdem Lächeln,
Das Antlitz, einer Pallas abgestohlen,
Verkehrt sich in ein Kindesangesicht
Und kurz, du bist's und bist es nicht, es scheint
Mir Sappho bald zu sein und bald—

Sappho (schreiend).
Melitta!

Phaon.
Fast hast du mich erschreckt! Wer sagte dir
Daß sie es war? Ich wußt' es selber kaum!—
Du bist bewegt und ich—